Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 157 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316689-2316692--09320-2329355- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 157 öffentlichen Leitartikel behauptet wird: „Der Mensch ist das, was er sein will; deutsch ist, wer deutsch sein will!" Nein! Deutsch ist derjenige, dessen Vorfahren in deutscher Erde ruhen, an dessen Wiege deutsche Lieder gesungen wurden, wer mit deutscher Zunge spricht, deutsche Schulbildung genoffen und deutsche Sitten sich angeeignet hat. Er kann sich des Deutschthums nicht entäußern, auch wenn er es wollte, denn das Heimathsgefühl läßt sich nicht wechseln wie Kleidungsstücke. Wenn der deutsche Jude auch bei der ruhigen Duldung gröblicher Schimpf- und Aufreizungsreden aus der Haut fahren möchte, — die treue gute Haut sitzt fest und bleibt deutsch, auch wenn wirklich ein preußischer Kriegsminister sie nicht als deutsch anerkennen sollte. Willig werden auch die Wreschener Juden in der Stunde, in welcher ihr Vaterland wieder in Gefahr fein sollte, diese Haut, patriotisch zu Markte tragen wie die vor 30 Jahren auch aus der Provinz Posen eingereihten tapferen jüdischen Landwehrmänner der Division Kummer vor Metz. Daß nicht nur Herr von Tiedemann allein, sondern auch mancher Landrath in jener Provinz jüdische Mitstreiter zu würdigen weiß, geht ans einer Wreschener Notiz in diesem Heft (S. 171) ebenso deutlich hervor wie der Umstand, daß der Kriegsminister von Goßler über die dortigen Verhältnisse ungenügend informiert war, als er, selbstverständlich ohne Absicht, den Antisemiten ein besonderes Vergnügen bereitete. Wie wenig deutsch-national die Antisemiten denken und handeln, ist den preußischen Königlichen Landräthen sehr wohl bekannt, die es auch sicher nicht vergessen haben, daß der Herausgeber der „Staatsbürger-Ztg." Wilhelm Bruhn, f. Z. seine Anhänger öffentlich aufforderte, bei Stichwahlen für den Polen zu stimmen. Ebenso wenig kann es der Regierung fremd sein, daß dieselben Judenfeinde, welche sich als die alleinigen Pächter der nationalen Gesinnung hinzustellen pflegten, als ihnen daran lag, internationale Ritualmordhetzen zu konstruieren, mit solchen czechischen Redakteuren fraternisierten, die vorher und nachher das Deutschthum in Böhmen und Mähren in rücksichtslosester Weise anfeindeten. In einer am 23. Februar in der Berliner „Tonhalle" abgehaltenen Versammlung der christlich - sozialen Partei fand sogar der „Vater des Antisemitismus", Herr Hofprediger a. D. Adolf Stöcker, es mit seiner stramm - nationalen Gesinnung vereinbar, einen Ausländer, den Pfarrvikar Schowalter die deutsche Reichspolitik kritisieren und der Regierung sowie dem Parlament heftige Vorwürfe machen zu lassen. Herr Schowalter bedauerte, daß den letzten Verhandlungen im Reichstage in der Burenfrage der große Zug, der Zusammenhang, die Verbindung mit anderen großen Ideen und Zügen gefehlt habe. Er sagte: „Die