Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 155 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 155 Kundgebungen der Organe der Reaktion in den fünfziger Jahren erfolgt, und erst zur Zeit der lichtvollen „neuen Aera" verschwand der mittelalterliche Spuk. So lange dieser jeden Fortschritt unmöglich machte, galt die Sehnsucht des deutschen Volkes nach der Neichseinheit unter preußischer Führung, nach Ausbildung des Rechtsstaats und nach sozialen Reformen für antinationales, fremdländisches Machwerk. Was in der deutschen Volksseele erglühte, sollten — nach dem damaligen reaktionären Schlagwort — „Polen, Juden und Franzosen" angezündet haben; es sollte wieder ersticken unter dem qualmenden Weihrauch mittelalterlicher Romantik, damit auf den freien deutschen Bergen wieder jene Burgen erstünden, auf welchen einst Ritter und (SMfrauen von der Beute der Wegelagerer ein fröhliches Leben führten. Die Rückschrittler bedienen sich jetzt wieder eines Schlagwortes, welches dem vor einem halben Jahrhundert verwandten auffallend ähnlich klingt: „Polen, Juden und Sozialdemokraten", um die Staatsleitung glauben zu machen, daß sie durch diese drei Elemente bedroht werde und durch weitgehende Zugeständnisse auf Kosten der Dolkswohlfahrt die Untersti'rtzung derjenigen erkaufen muffe, die sich als „bewährte Stützen von Thron und Altar" unter etwas kostspieligen Bedingungen anbieten. Die Liebe deS freien Mannes ist um minder hohen Preis zu erlangen; das sollte den Staatslenkern bekannt sein, und die Debatten über den Zolltarif dürften vielleicht dazu beitragen, darüber noch größere Klarheit zu schaffen. Die nationale Gesinnung ist ebensowenig wie die monarchische das ausschließliche Besitzthum jener Kreise, die unter der trügerischen Flagge ^deutsch-nationalen Selbstbewußtseins" kämpfen, um vorwurfsfreie, gleichberechtigte Mitbürger wieder zu Heloten herabzudrückcn. Aber die Phrase hat leider im politischen Leben einen merkwürdig starken Einfluß. Wenn der Knegsministcr v. Goßler einem Ausfälle des polnischen Abg. von Chrzanowski gegenüber erklärte, daß es für preußische Soldaten ein anderes als das deutsche Vaterland nicht gebe, daß er keinem rathen wolle, ein anderes Vaterland dazwischen zu legen, mußten diese Worte nicht nur für den deutschen Soldaten, sondern für jeden Deutschen, nicht zum mindesten auch für die deutschen Soldaten jüdischen Glaubens gelten, von denen viele für das Vaterland geblutet und nicht wenige an den Grenzen des Reiches und in fernen Weltgegenden sich als Pioniere des Deutschthums trefflich bewährt haben. Zur größten Befriedigung der Antisemiten aber sprach derselbe Kriegsminister von Goßler am 17. Februar, als ec im Reichstage von dem einstimmigen Wunsch der Wreschener Stadtverwaltung sprach, ein Bataillon als Garnison zu erhalten, davon, daß jene Stadtverwaltung aus sechs Deutschen, sechs Polen und sechs