Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 154 (sequence 4)
- Language
- German
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154 Im deutschen Reich. in fast unglaublicher Weise gegen die Juden loszog, oder wie von anderer Seite berichtet wurde, zum Sturm auf die „verjudete" Reichsbank ermunterte. Der Graf, der bei allen, die nicht von der antisemitischen Seuche ergriffen sind, in der Hauptsache pathologisches Interesse erweckt, glaubt zu schieben und wird geschoben; wir glauben ihm gern, wenn er sagt: „Ich kann nicht begreifen, warum man mich fortwährend anklagt, verurtheilt und verhaftet". — Aber noch weit weniger begreifen treue und friedliche Staatsbürger, warum niemand einen offenbar von mittelalterlichen Anschauungen Behafteten verhindert, sich fortwährend strafbar zu machen und zum Vortheil geldgieriger „Manager" eine Krankheit zur Schau zu stellen, die ansteckend wirken und mit der Zeit eine verheerende Epidemie verbreiten kann! Die politischen Extravaganzen des schlesischen Magnaten werden freilich jedem erklärlich, der die Auswüchse des neuzeitlichen Agrarierthums und die sonderbare Art von „revolutionärem Konservatismus" beobachtet, den jenes gezeitigt hat. In diesen Kreisen hat ein durch monarchische und fromme Phrasen nur dürftig verhüllter Materialismus die Oberhand gewonnen, der vor dem rücksichtslosesten Jntereffenkampf nicht mehr zurückschreckt. Die Juden, welche früher vielfach die Vermittler zwischen den landwirthschaftlichen Produzenten und den städtischen Konsumenten bildeten, sind ihnen besonders verhaßt, weil sie beiden Theilen gerecht zu werden versuchten; noch verhaßter sind ihnen die Sozialdemokraten, weil ihre Lehren die ländlichen Arbeiter veranlassen, zwischen ihrer Lage und der der Industriearbeiter Vergleiche anzustellen; am verhaßtesten aber die Staatsmänner, welche durch Vermehrung der Verkehrsmittel und Handelsverträge es ihnen unmöglich machen, um' ihre Gutsbezirke eine chinesische Mauer zu errichten. Solchen Gesinnungen lieh als Sprechwart des „Bundes der Landwirthe" der Redakteur der „Deutschen Tageszeitung" bei der großen Heerschau der Agrarier im Cirkus Busch den schärfsten Ausdruck, indem er über die Professoren, Juden und Sozialdemokraten Herzog und nicht nur die monarchische Gesinnung sondern auch die göttliche Allmacht von dem Wohl und Wehe der Landwirthschaft abhängig darstellte. Er sagte wörtlich: „Wir alle decken den Thron mit unfern Leibern. Aber bei aller Königstreue müssen wir auch für unsere Ziele kämpfen, ein Feigling, wer zurückbleibt. Unser Herrgott hat mit dem deutschen Volke noch viel vor. Er kann dies aber nur vollführen, wenn die Landwirthschaft lebensfähig erhalten wird." Eine solche rückläufige Erscheinung im politischen Leben ist nichts Neues; ganz ähnliche Gesinnungen sind einst in.den „rundschauerlichen"