Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 149 (sequence 21)
- Language
- German
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Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus. 149 2. Graf Coudenhove*) erkennt klar, daß der sogenannte ästhetische Antisemitismus, der Widerwille gegen ungeschickte Bewegungen und ungeschicktes Benehmen, den manche Antisemiten als Grund ihrer Abneigung angeben?), durchaus ungerecht ist. Man kann von den Juden, die im Ghetto eine von der ihrer Mitbürger abweichende Tracht und ebenso eigenartige Umgangsformen und Handbewegungen hatten, aber nach der Emancipation moderne Kleidung anzogen, nicht verlangen, daß ste auch sofort Geschicklichkeit in den dazu passenden Bewegungen zeigten. „Sie zogen sich zunächst sehr schlecht und geschmacklos an, griffen begeistert zu den Cylinderhüten der unglaublichsten Gestalt, kurz sie kleideten sich so unmalerisch als nur irgend mögliche ihre Bewegungen und Gesten, die zum langen Kaftan gut passen mochten, behielten sie beim Gehrock und Frack bei und übten dadurch einen widerwärtigen Eindruck auf ihre christlichen Mitbürger aus. Namentlich ist es die bei den Juden so oft vorkommende tänzelnde Bewegung der Füße, das Erheben der nach außen gekehrten Handfläche mit ausgcspreiztcn Fingern zur Schulterhöhe und die vielfach gebeugte Haltung, welche die Jndogermanen aus der Fassung bringen." Die vielfach gebeugte Haltung, eine Folge der sitzenden Lebensweise, findet sich heute freilich auch im christlichen Proletariate und im christlichen Gelehrtenstande außerordentlich häufig. Doch läßt sich durch Turnen und Sport mit El folg dagegen ankämpsen, während die anderen von l^oudenhove gerügten Unarten bei einiger Selbsterziehung leicht vermieden werden können. Gewiß denken heute viele unserer christlichen Mitbürger: Möget ihr „correkt deutsch reden oder jüdeln", möget ihr „gute Reiter, gute Tänzer, gute Schützen oder Philister" sein, „ganz gleich, ihr gehört nicht in unsere Gesellschaft." Dennoch mllß trotz aller traurigen Ersahrungen, die jeder unter uns macht, gesagt werden, daß d^ch nur die gewerbsmäßigen Hetzer und die besonders bornierten Leute unerschütterlich auf jenem Standpunkte bleiben. Weite Kreise christlicher Mitbürger sind in der That nur dann geneigt, alle Anklagen der sich selbst als antisemitisch bezeichnenden Parteien gegen uns als gerecht anzusehen und jene Parteien zu fördern, wenn ihnen gerade wirklich *) S. besonders S. 483 und 499. s) 3- 24., der bekannte Nationalökonom Adolf Wagner, der erkennt, daß Maßregeln gegen die Juden die socialen Zustände nicht beffern würden, aber durch d!e Juden und besonders durch Benehmen und Kleidung der Jüdinnen seinen .Geschmack* verletzt findet. Dgl. Bahr: Der Antisemitismus. Wn internationales Interview (1C9G) ®. 74-76.