Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 148 (sequence 20)
- Language
- German
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148 Im wutschen Reich. an Jrrthümern. Doch werden die Leser aus jenen Ausführungen schon selbst ersehen haben, wie viel Treffliches in jenem Buche enthalten ist. Trotz aller Jrrthümer können wir ihm nur weiteste Verbreitung unter uns wie unter unseren andersgläubigen Mitbürgern wünschen. Namentlich sollte jeder, der die Irrlehren der Antisemiten in Wort oder Schrift widerlegen will, das Buch Coudenhove's fleißig studieren; auch wer die Ursachen der Verfolgungen, die unsere Glaubensgemeinschaft im Alterthum und im Mittelalter getroffen haben, oder irgend- 'welche Seite'der sog. Judenfrage der modernen Zeit wissenschaftlich erforschen will, muß jenes Werk eingehend berücksichtigen. Hat Graf Coudenhove auch im ganzen lediglich für christliche Leser geschrieben und öfters zunächst mehr österreichische Verhältnisse als die deutschen im Auge, so kommen doch einige Stellen vor, welche ich uns Deutschen jüdischen Bekenntnisses ganz besonders ans Herz legen und daher hier im Wortlaut wiedergeben möchte: 1. Indem Graf Coudenhove sänuntliche Anklagen gegen die Juden prüft, erklärt er als nicht zu widerlegen nur folgendes: „Die Juden liefern heute noch in einigen Ländern einen verhältnißmäßig größeren Procentsatz von Wucherern, Kupplern und Betrügern, als die Christen. Heute noch! — Das ist eine Thalsache, die niemand leugnen kann und die 'einfach als wahr hingestellt werden muß. Morgen vielleicht nicht mehr!" Ich kann hier unerörtert lassen, wie weit dies für das Deutsche Reich heute auch nur in Bezug auf Betrug und Wucher zutrifft, wenn man nicht die christliche Bevölkerung an sich, sondern nur die Stadtbevölkerung in Parallele stellt.l) Jedenfalls läßt sich in dieser Beziehung durch gemeinnützige Thätigkcit und Erziehung außerordentlich viel andern. Wie unser Verein als solcher die Bestrebungen für Verbreitung von Bodencultur und Handwerk unter den Juden Deutschlands unterstützt, so sollte auch jeder Einzelne von uns dafür sorgen, daß das Gewerbe des Pfandleihers und ähnliche, in denen die Verführung zu Betrug und Wucher nahe liegt, von unseren Glaubensgenossen möglichst verlassen werden! i) Denn der Kuppelei machen sich in Deutschland die Juden weniger oft schuldig, als der ihrer Zahl entsprechende The»! der christlichen Bevölkerung. Vgl. Fuld: DaS jüdische Verbrecherthum (1885) S. 23. Daß die Juden in Deutschland aber auch wegen Betrugs und Wuchers nicht häufiger verurtheilt werden, als eine entsprechende Anzahl christlicher Kaufleute, hat Jacob ow Ski, Der Juden Antheil am Verbrechen (1892) S. .28 ff.y gezeigt.