Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 147 (sequence 19)
- Language
- German
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Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus. 147 uns und unseren Mitbürgern errichteten Schranken dem Zionismus bald fast alle Anhänger entziehen würde. Wohl aus zionistischer Beeinflussung zu erklären ist auch die irrthümlichc Auffassung Coudenhove's (S. 482), daß gerade „der bessere und klügere Theil" der Juden nach der Emancipation „die jüdische Kleidung und das würdevolle asiatische Auftreten" beibehalten habe; danach hätte also nur der schlechtere und dümmere Theil Tracht und Sitte der christlichen Bevölkerung angenommen. Vielmehr hatten sich weite Kreise des Judenthums, vor allem die portugiesischen Juden Südfrankreichs sowie die Anhänger und Schüler Moses Mendelssohns schon vor der Emancipation beeilt, sich der modernen europäischen Gesittung anzuschließen und diesem Bestreben auch in Tracht und Manieren Ausdruck gegeben. Gerade in den fortgeschrittensten Staaten, Deutschland, England, Frankreich und Nordamerika schloffen sich nicht die schlechtesten, sondern die besten Juden an die in ihrem Vaterlande herrschende Eultur, soweit es ihre religiöse Ueberzeugung nur irgend gestattete, freudigen Herzens an. Ich erinnere nur an die Vorkämpfer dieser Assimilation in Deutschland, Männer wie Moses Mendelssohn, Gabriel Rießer, Moritz Beit, Leopold Zunz, Emil Lehmann x. x., welche doch wahrlich nicht zu den schlechtesten und dümmsten Juden ihrer Zeit gehörten. Nur dort, wo nationale Culturen erst im Entstehen begriffen oder garnicht vorhanden sind, oder wo die Dorurtheile der übrigen Bevölkerung den Juden jede Annäherung unmöglich machen, also namentlich in Galizien, Bosnien, Rußland, Rumänien x. hält überhaupt ein Teil der Juden noch heute an mittelalterlicher Tracht und Sitte fest. l) 5. Für uns besonders Beachtenswertes. Wohl fehlt es, wie aus den eben gegebenen Ausführungen hervorgeht, in dem umfangreichen Werke des Grafen Eoudenhove nicht 1) Nur zu Wissenschaft licken Zwecken seien noch zwei kleine Jrrthümer Graf E's. berichligt. Tie Derschenkung der Juden in Merseburg an den dortigen Bischof 973 kann nicht, wie C. S. 218 will, als Schädigung derselben angesehen werden, da nur die herkömmlich von ihnen geleisteten Abgaben an den Bischof abgetreten und mit den Juden auch die christlichen Kausleute verschenkt wurden. Vgl. Aronius Regesten z. Gesch. der Inden (ISST) Nr. 132. Das; die Juden in Frankfurt a. M. an ihren Häusern Schilder mit wunderlichen Namen: „Zum Knoblauch", „Zum Esel", „Zum grünen, weißen Schild" x. haben mußten, ist auch keine Plackerei, wie E. S. 242 meint; denn auch die Häuser der Christen trugen damals in den deutschen Städten dieselben oder ähnliche Namen. Vgl. von Maurer, Gesch. der Städteveifassung II (1870) S. 19, 20, 24.