Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 143 (sequence 15)
- Language
- German
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Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus. 143 schritten der Aufklärung in Englands Frankreich und Deutschland den Juden weitere Erleichterungen. Schon wurde auch in Schriften christlicher Verfasser — es fei hier nur an Dohm, Diez und Mirabeau erinnert — die bürgerliche Gleichstellung der Juden verlangt. Wie in Frankreich die geistigen Vorbedingungen der Aufnahme der Julen in die Bürgerschaft schon zur Zeit der Emaneipation gegeben waren, erkennt man daraus, daß damals in Bordeaux die aus Portugal stammenden Juden schon zu den geachtetsten Einwohnern gehörten, und daß sämmtliche Abgeordnete dieser Stadt in der Nationalversammlung für die Ertheilung des Bürgerrechts an jene Bevölkerungsgruppe wirkten. In Deutschland aber war schon am Ausgange des 18. Jahrhunderts durch Moses Mendelssohn und seine Schüler der Anschluß der Juden an die deutsche Eultur endgültig entschieden. Durch die gewaltigen Veränderungen im Gebiete der Wissenschaft und Litteratur bildeten sich auch von den überlieferten Anschauungen, die im wesentlichen auf theologischen Vorstellungen beruht und deshalb trennende Schranken gebildet hatten, durchaus abweichende Ansichten über Gott und Natur, über Staat und Recht, und fanden unter Christen und Juden Anhänger. Zu diesen Erscheinungen des Geisteslebens kamen aber noch wichtige wirthjchaftliche Aenderungen, vor allem die Entstehung der Industrie. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts konnten die Fürsten die Mittel zu militärischer und politischer Machtentfaltung nur dadurch gewinnen, daß sie Manufakturen und Fabriken ins Leben riefen. Dazu brauchten sie aber gewandte Unternehmer, die sie in Deutschland — wenn wir von französischen und italienischen Einwanderern absehen — im wesentlichen nur unter den Juden staden konnten. „Denn schwer ist es für den Handwerker, den socialen Boden, in dem er wurzelt, zu verlassen und Fabrikant zu werden; selten wird auch der Krämer, der nur den Lokalen Absatz, oft nur den der nächsten Gassen übersieht, sich zum Großhändler aufschwingen, nichts ist aber häufiger, als daß dies dem begabten Hausierer gelingt. Denn auch er verknüpft verschiedene Oertlichkeiten miteinander; er sucht die ProducenLen und die Eonsumenten jeden an seiner Stelle auf; er ist immer genöthigt, sich auf Specialitäten zu werfen und mit ihnen abzuwechseln; schon deshalb Liegt ihm Spekulation und Creditbenützung nahe. So erwirbt sich der Hausierer Orts- und Menschenkenntnis, Ueberblick und Gewandtheit."* l) ') Vgl. Gothein „Wirthschaftsgeschichte des Schwarzwaldes" (1692) 1. S. 739.