Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 142 (sequence 14)
- Language
- German
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142 Im deutschen Reich. 17. Jahrhunderts „das Licht der Scheiterhaufen erblaßte und erlosch". In der Thal tritt in jener Zeit der Gedanke der religiösen Toleranz zum ersten Male klar hervor. Katholiken und Protestanten hatten es für ein gottgefälliges Werk angesehen, die einen zur Vertilgung der Ketzerei, die andern zur Vertilgung der Anhänger des Papstes das Mittel der Gewalt anzuwenden. Und nun zeigte sich nach dreißigjährigem Kampfe jede Partei so stark wie vorher, man mußte also annehmen, daß Gott auf dem Wege der Gewalt der wahren Lehre nicht zum Siege verhelfen wolle. Wenigstens den scharfsinnigsten und edelsten Denkern mußte es endlich einleuchten, daß mit der entsetzlichen Verödung des Landes und mit der scheußlichen Verwilderung und Sittenverderbniß des Volkes, die als Folge des unseligen Religionozwistes überall hervortraten, Gott nicht gedient sein könne. Sobald man aber einsah, daß Gott auf dem Boden des christlichen Bekenntnisses verschiedene Confessionen gewollt haben könne, lag auch der Gedanke nahe, daß auch die anderen monotheistischen Religionen Gott wohlgefällig seien, oder daß man wenigstens nicht in Gottes Sinne wirke, wenn man die Bekenner anderer Religionen kränke, schädige und todtichlage. Ich will hier nur an zwei von den Männern erinnern, welche in hervorragender Weise für Versöhnung zwischen Katholiken und Protestanten wirkten, welche aber auch zu den ersten gehören, die sich von den Vorurtheilen gegen die Juden befreiten. Comenius, der berühmte Begründer der modernen Pädagogik, der, selbst seines Glaubens wegen aus seinem Vaterlande vertrieben, zu den hervorragendsten Vertretern des Gedankens der Toleranz gehört, sagt in der Vorrede seiner Schrift „TJnum est necessarium", daß diese nicht nur von Christen aller Bekenntnisse, sondern auch von Juden und Mohamedanern gelesen werden könne, ohne bei ihnen Pietätsgefühle zu verletzen. Leibniz aber, der berühmte Philosoph, verfaßte ein Gebet, das nicht nur jeder Christ, sondern auch jeder Jude und Mohamedaner sollte beten können; ein Jude, der Mathematiker Raphael Levi, war der einzige, der den Sarg des großen von der Geistlichkeit geächteten Pbilosophen an die letzte Ruhestätte begleitetes) Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts finden wir auch in allen Culturländern ein freilich nur langsames und durch schlimme Reaktionen unterbrochenes Abnehmen der rechtlichen Zurücksetzungen der Juden. Namentlich das 18. Jahrhundert bringt mit den Forti) Dgl. Auerbach in „Zeitschr. s. d. Gesch. der Juden in Deutsch!." I, Seite 7.