Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
Date
1902-03-01
Page
139 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316689-2316692-2329264--09301-2329337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein katboliscb.cr ßDefmann über den Antisemitismus. 139 Aber auch wer der Ueberzeuzung ist, daß „Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft" auch die überlieferten Religionsurkunden kritischer Prüfung unterwerfen darf, muß doch dagegen Einspruch erheben, daß die Verfasser des alten Testaments in dem vorliegenden Werke ganz unhistorisch deshalb getadelt werden, weit sie nicht diejenige Höhe intelleetueller, ethischer und religiöser Bildung besaßen, welche auch heute nach mehr als 2000 jähriger neuer Kulturarbeit noch sehr wenigen eignet. Graf Coudenhove spricht von einer „ungeheueren Mystification," deren „sich einige orthodoxe jüdische Schriftsteller" schuldig gemacht, welche auf diese Weise „der Hälfte der Menschheit das Gift des religiösen Fanatismus eingeflößt" habend) Don einer absichtlichen Fälschung kann aber nicht die Rede sein?) Oft hat die Hineintragung späterer Gedanken in die ältere Ueberlieferung einfach den Grund, daß der Schreiber der betreffenden Stelle sich die Vergangenheit garnicht anders vorzustellen wußte und daher in bestem Glauben seine Vorlage änderte. Dazu kam noch die Eigenheit einer Schrift, welche die Docale nicht angab, daher zu bessernde Mißverständnisse sehr leicht vermuten ließ. Auch fehlte der Begriff des literarischen Eigenthums, da dieBegriffe „einBuch schreiben" und „ein Buch verfassen" noch vielfach ineinander übergingen. Während derjenige Mann, durch dessen Bemühungen die 5 Bücher Mose ihr canonisches Ansehen erhielten, ihren Ursprung garnicht verheimlicht, indem er pentateuchische Gebote als solche citicrt, welche Gott durch die Propheten gegeben hat, entstand dadurch, daß einzelne Theile des Gesetzes Mose in den Mund gelegt sind, von selbst die Ansicht, daß er der Derfasier des ganzen Werkes sei. So ziemlich bei jedem Volke hat die Geschichtoüberlieserung auch ihre Geschichte und sind viele Werke in gutem Glauben Verfassern und Zeiten zugeschrieben, denen sie nach den Ergebnissen der modernen Wissenschaft noch ganz unbekannt waren. Vor allem muffen aber die gegen den Götzendienst gerichteten Stellen der Bibel, welche Gras Coudenhove für „nicht zu entschuldigen" erklärt, aus dem Charakter der religiösen Entwicklung ihrer Entstehungszeit erklärt und verstanden werdend. Es waren die 9 Vgl. Coudenhove S. 510 und 521. 3) Vgl. hierzu und zum Folgenden Stade, Gesch. des Volkes Israel S. 15—17. 3) Vgl. zum folgenden das citierte Werk von Stade, Guthe, Geschichte des Volkes Israel (1899), sowie Tiele a. a. O. S. 341 ff. u. S. 362ff. Tiele hebt mit Recht hervor, daß es sich bei den religiösen Kämpfen innerhalb des JudenthumS zu jener Zeit keineswegs um ein Ringen zwischen Liberalismus und Orthodoxie, sondern eher um den Streit zwischen ethischer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.