Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 138 (sequence 10)
- Language
- German
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138 Im deutschen Reich. Autor an anderer Stellex) „den colossalen Heldenmut!), die überirdische Größe, die Majestät des Charakters" derjenigen Juden rückhaltlos an, die trotz der blutigen Verfolgungen ihrem Glauben treu blieben. Damit zeigt er selbst, daß die Annahme, die Juden hätten das Martyrium für die Ueberzeugung „erfunden," von der Judenheit nur als Vorzug aufgefaßt werden müßte; freilich kommt uns dies Verdienst garnicht zu. 2. Die „ungeheure Mystifikation" der Verfasser des Alten Testaments und ihre „Jnvectiven" gegen das Heidenthum. Eine große Rolle spielt in der antisemitischen Schandlitteratur noch heute der Vorwurf, die Juden hätten goldene Gefäße aus Acgvpten gestohlen und die Einwohner des Landes Kanaan sämmtlich ermordet. Graf Coudenhove steht auf dem Boden der modernen Bibelkritik, welche den Pentateuch größtentheils erst nach dem Exil durch eine Reihe unbekannter Verfasser entstanden sein läßt, die freilich ältere Ueberliefcrungen benutzt haben. Nach den Schriften von Reuß, Wellhausen und Stade, denen unser Autor sich durchaus anschließt, kann weder jener Diebstahl ägyptischer Gefäße noch die grauenhafte Vernichtung ganzer Völker, welche Numeri Cap. 31 beschreibt, je stattgefunden haben. Grade nach Coudenhove darf der Jude dem Christen oder Muslim, der ihm der Grausamkeiten wegen Vorwürfe mache, die an jener und an anderen Bibelstellen berichtet werden, zurufen: „Ihr habt gethan, was ich nur gemalt habe." Indessen — so meint unser Autor — seien doch „alle Schandthaten in den drei monotheistischen Religionen aus jenen von den Juden verfaßten, aber nicht befolgten Blutcapiteln geflossen und mit ihnen entschuldigt worden". „Die Jnvectiven des Alten Testaments gegen den Götzendienst" seien „für Freidenker einfach garnicht zu entschuldigen." (S. 374). Die Götter der Heiden dürften nicht als „Nichtigkeiten" oder „Dämonen" angesehen werden; ,,alle Gebete der Menschen, an was immer für ein natürliches Wesen gerichtet" könnten ,,ganz von selbst nur an eine einzige Adresse gelangen, wie verschieden auch die Wege und Canäle sind, die zu ihm führen — nämlich an den einzigen Gott, das Centrum des Weltalls." (S. 122, 123). Dieser Ansicht Coudenhove's können, namentlich soweit es sich um die Beurtheilung der heidnischen Gebete handelt, zahlreiche Juden zustimmen, während andere, aber auch viele Christen, sie als irrthümlich und verderblich betrachten werden. i) S 259.