Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 137 (sequence 9)
- Language
- German
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Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus. 137 Anaragoras und Sokrates. Mit Recht stellt ein vorzüglicher neuerer Schriftsteller Pöhlmann die Klagformel: „Sokrates glaubt nicht an die Götter, an die der Staat glaubt", und den Antrag, Sokrates mit dem Tode zu bestrafen, mit dem Ausspruche des mittelalterlichen Scholastikers Themas von Aquino zusammen: „Haeretici possunt non solum excommunicari, sed. et iuste occidi.*1) Das Streben, den eigenen Cultus ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer zu verbreiten, zeigt sich sogar schon in den ersten Anfängen der Kultur. Wenigstens berichtet Wißmann, der erste europäische Reisende, der die Baluba, ein Negervolk im innersten Afrika, kennen lernte, daß sie einen von dem ihrer Nachbarvölker verschiedenen Cultus errichtet haben und unterworfenen Stämmen deren Fetische nehmen. Erst nach der öffentlichen Verbrennung dieser Fetische werden die Unterworfenen von dem Häuptling der Baluba in den Kreis der Religions- und damit der Schutzgenossen ausgenommen.2) Wenn man erwägt, daß die Mehrzahl der wilden und halbwilden Völker alle Kriegsgefangenen tobtet, viele auch z. B. die Indianer Mittelamerikas, die Neger und so auch die alten Inder, Gelten und Germanen die Kriegsgefangenen ihren Göttern zu opfern pflegten, jo muß es schon als ein bedeutender Fortschritt betrachtet werden, daß der Kriegsgefangene nur gezwungen wird, den Glauben seiner Sieger anzunehmen. Aus der Aufopferung für den eigenen Glauben darf den Juden aber noch viel weniger ein Vorwurf gemacht werden, selbst wenn sie sie „erfunden" hätten. Nicht gerade sehr treffend bezeichnet Graf Coudenhove die Bereitwilligkeit, das Leben für den Glauben zu lasten, nach dem Beispiele „gewisser Freidenker" als „Melechismus". Es genüge auf den schon erwähnten freiwilligen Tod des Sokrates zu verweisen, der sich durch Verleugnung der für sein Handeln maßgebenden Gottheit, seines „oaiaoviov" hätte retten können. Auch die Pvthagoräer haben sich bekanntlich durch die besondere Form ihrer Weltanschauung Verfolgungen preisgegeben. Im übrigen wäre es doch auch sicher kein Verbrechen, die Aufopferung für die Religion „erfunden" zu haben. Gewiß war Graf Coudenhove als Officier und Diplomat bereit, für seinen Kaiser sein Leben zu lasten. Sollte der Herr der Welt aber weniger Aufopferung von seinen Dienern als ein irdischer Herrscher beanspruchen können? Ucbrigens erkennt unser 1) Sokrates und sein Volk (1899) S. 121. 2) Dgl. Wilhelm Schneider. Die Religion der afrikanischen Natmvölker (1891) S. 82, 83.