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Im deutschen Reich · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. 135

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
Date
1902-03-01
Page
135 (sequence 7)
Language
German
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Ein kalholischer Edelmann über den Antisemitismus. 135 wobei freilich hiuzugesügt werden muß, daß die Differenzen in Deutschland viel geringer als in Oesterreich, namentlich in Galizien sind. Die Abweichung beruht aber, wie Coudenhove meines Erachtens mt* widerleglich zeigt, nicht auf der Eristenz eines besonderen jüdischen oder semitischen Wesens — das sind „Wahnvorstellungen," — sondern sie ist „das Produkt einer künstlichen Zuchtwahl, ein Resultat von Behandlung und Erziehung." Die Grundsätze indeß, welche diese Differenzierung zu Wege brachten, „haben ausschließlich in der Religion ihre Wurzel". Die Verfolgungen der Juden im Alterthume und in der ersten Zeit des Mittelalters beruhen nämlich lediglich auf religiösen Gründen. Unwiderleglich geht dies aus der vollständigen Sammlung aller griechischen und römischen Quellenstellen über das ^Zudenthum, welche Reinach 189) veröffentlicht hat, und aus der unter Oberleitung des Domdecans Thalhofer in 80 Bänden publicierten Übersetzung der Kirchenväter hervor. In beiden Werken findet man zahlreiche abfällige und gehässige Urtheile über unsere Religion, aber nicht eine einzige Stelle, in der den Juden Raffenverschiedenheit, Wucher, Habsucht, Schlauheit, Abneigung vor körperlicher Arbeit2c. vorgeworfen wird. Ebenso wenig findet sich derartiges in den judenfeindlichen Schriften der Karolingerzeit. Die eigeuthümliche Stellung, welche die Juden im Wirthschaftsleben seit der zweiten Hälfte des Mittelalters einnehmen, die Richtung ihres Geistes auf Gelderwerb, die bei manchen hervortretenden ethischen und ästhetischen Mängel, lauter Umstände, welche den Juden Haß und Verachtung zuziehen mußten und noch heute zuziehen, beruhen nach Coudenhove darauf, daß die mittelalterlichen Fanatiker die rechtliche, sittliche und körperliche Erniedrigung der Juden durchsetzten, um so einen Beweis für die Wahrheit der christlichen Lehre zu gewinnen, also auch wieder aus religiösem Fanatismus. Auf Grund dieser Thatsachen nun muß sich Coudenhove gefragt haben: Sind die Juden nicht in irgend einer Weise selbst Schuld an dem Unglück, das sie ihrer Religion wegen zu erdulden hatten und in vielen Ländern noch heute erdulden? Es ist im tiefsten Grunde ein ästhetisches Gefühl, welches auch hier in der Kette der Ereigniffe bei der am meisten verfolgten Menschengruppe nach einer Schuld sucht. Muß doch auch der Dichter dem Helden der Tragödie eine Schuld zuweisen, damit das Dichtwerk Jntereffe, nicht Abscheu erweckt! Für den, welcher bei aller Ehrfurcht vor der Religion doch jeden Fanatismus verabscheut, liegt es nahe, gewissermaßen in der Erfindung des Fanatismus die tragische Schuld der jüdischen Gemeinschaft zu sehen. Etwas Aehnliches hat bekanntlich bereits der Tempelritter in Lessings

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