Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 116 (sequence 6)
- Language
- German
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116 Im deutschen Reich. selben, wenn er auch in einzelnen Lehren seine eigenen Wege geht und zum Theil von Leibniz beherrscht wird. Lessings Gespräche mit Jacobi über Spinoza, Mojes Mendeljohns Vertheidiguvg Lessings legen Zeugniß davon ab, wie mächtig Spinoza wirkte und wie falsch er oft uerjtanden wurde. Goethe, der da schrieb: „Ich fühle mich Spinoza sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist als der meinige", war ein zu großes Genie, um nur Spinezist zu sein; aber nicht nur aus dem, was er über Spinoza selbst sagt, sondern aus seinen bedeutendsten Dichtungen, aus lyrischen Liedern, . aus dem Faust u. s. w. leuchtet seine zum grössten Thcile auf Spinoza ruhende Weltanschauung hervor. In der Ethik geht Goethe über Spinoza hinaus; denn die Ueberwindung der Aff.kte ist bei ihm nickst Selbstzweck, sondern nur der Weg zu ernster Arbeit und zu edler Thätigkeit. Der Einfluß Spinozas auf große Dickster ragt bis in die modernste Zeit hinein, und auch manche Erscheinung des neuzeitlichen Realismus, der jeden Zweck aus der Welt verbannt haben will, ist unverkennbar mit Spinozas Geist verwandt. Den Schluß des geistvollen Vortrages bildete eine schwungvolle Zusammenfassung der Bedeutung Spinozas, welchen der Redner mit dem Rabbi Elisa bcn Abuja verglich, jenem „Acher", welcher, durch tiefe Zweifel vom Judenthum losgelöst, auf Irrwege gerathen war. Am Grabe dieses „Acher" soll nach einer talmudijchen Legende sein großer Schüler, Rabbi Mei'r, für die Seligkeit seines Lehrers gebetet und die himmliche Versöhnung und Gnade für denselben erwirkt haben. Der Jrrthum ist das Leben, die Wahrheit der Tod. Von demselben Rabbi Meir wird erzählt, daß er trotz des Abfalls seines Lehrers denselben nicht verlassen „die Schale weggcworfen, den Kern gegessen habe." Viele Lehren des Spinozismus weisen wir zurück, doch so manchen Kerngedanken können wir für alle Zeiten beherzigen. Spinoza hat Glaubensfreiheit und Gedankenfreihest mit seltenem Mutbe verkündet, die Unduldsamkeit mit aller Macht der Ideen bekämpft — wir wollen die Ueberzengung eines jeden nach Wahrheit strebenden Menschen achten! Spinoza hat gezeigt, was Idealismus bedeutet — wir wollen als Juden zeigen, daß Idealismus bei uns erbgescssen ist; Spinoza lehrte: „nicht lieben, nicht hassen, sondern begreifen", wir wollen als Juden in unserer schwer bedrängten Zeit diesem Grundsätze zum Siege verhelfen. Wir rechnen jetzt noch nicht aus allgemeine Liebe und verdienen keinen Haß, nur begriffen wollen wir werden! Wenn wir gerechte Beurtheiluug erreichen, können wir der Zukunft ruhig entgegenjehen. Zu den ewigen Gesetzen der Tugend, die Spinoza ergründet, gehört Gerechtigkeit, diese erstreben