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Im deutschen Reich · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. 114

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-02-01
Page
114 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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114 Im deutschen Reich. schauen sollten. Mit der Genügsamkeit eines antiken Weisen geschmückt, verlebte er seine Mannesjahre in innerem Frieden; der Freundscbaft und Verehrung hervorragender Männer erfreute er sich in seiner Einsamkeit, und anderen leuchtend verzehrte sich sein Lebenslicht. A!s erstes wissenschaftliches Werk veröffentlichte Spinoza 1663 eine Schrift über Cartesius. Er ließ sich in den meisten Werken von der mathematischen Form fast tyrannisieren. Seine zweite Schrift, der 1670 anonym erschienene „Theologisch-politische Traktat", war ein Ereigniß von größter Bedeutung. In großen Zügen präeisierte Spinoza die Aufgabe des Staates, der Religion, der Philosophie und die Bedeutung der Bibel. Redner setzt den Inhalt der bedeutenden Schrift auseinander, beleuchtet eingehend die tiefen Gedanken derselben und ihre unvergänglichen Verdienste um die Anerkennung der Freiheit des Denkens. Andererseits weist er darauf hin, wie unhaltbar einzelne Anschauungen von Spinoza über Staat, Religion und Bibel sind und in wie irriger Weise Spinoza oft in diesem Traktat über das Judenthum geurtheilt hat. Er warf Steine in den Brunnen, aus dem er geichöpft. Unter dem Eindruck des Bannes stehend, erwiderte er das, was ihm widerfahren, mit Bitterkeit. Oft vermissen wir auch bei ihm den biftort;d}cn Sinn, der zuweilen genialen abstrakten Philosophen fehlt. Er war noch nicht der Spinoza der „Ethik"; doch ist trotz dieser Mängel die Bedeutung des theologOch politischen Traktats in mancher Hinsicht hoch anzuschlagen. Dieser Traktat schuf ihm eine Welt von Feinden; die Theologen befeindeten ihn, weil er die Bib?l angegriffen, die Philosophen, weil er über Cartesius binausgegaugcn, die Politiker, weil er bedentticke Ansichten über manche Staatseinrichtungen geäußert; aberalles das ließ den Weisen ruhig, der immer abgeklärter wurde. Man verschrie ihn als Atheisten, ja als einen Satan in Menschengestalt. Er blieb ruhig, schliff ferne Gläser fügte Stein an Stein zu feinem System; er sagte, was er dachte, er dachte, was er sagte. Aus der Korrespondenz mit siinen Bekannten und Freunden, mit der der Redner sich eingehend beschäftigt, leuchtet die Tiefe des Geistes wie die Uneigennützigkeit der Gesinnung Spinozas hervor; die ihm angerathene Taufe wies er mit Entschiedenheit zurück; eine ihm von dem aufgeklärten Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz angcbotene Professur in Heidelberg lehnte er ab, da seiner Meinung nach die Uebernahme einer öffentlichen Lehrthätigkeit ihn in der Fortbildung seiner Philosophie stören würde und er auch jedem Konflikt ans dem Wege gehen wollte. Kurz zuvor hatte er auch ein gewinnreiches Anerbieten des Prinzen Conds ausgeschlagen, weil dasselbe seiner Würde nicht ent-

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