Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 113 (sequence 3)
- Language
- German
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Vereinsnachrichten. 113 Gläubigkeit die Gemüther der Juden; eifriges Talmudstudium lehrte sie denken; die Kabbalah lehrte sie schwärmen; aber auch die in der Naturwissenschaft durch Galilei, in der Philosophie durch Cartesius beförderte Umwälzung und die damaligen politischen und religiösen Parteikämpfe blieben nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung Spinozas. In jener Zeit wuchs der Knabe Baruch Spinoza auf, in die rabbinische Wiffenschaft eingeführt besonders durch den Lehrer Saul Morteira. Mit vielem Eifer studierte er die jüdische Religionsphilosophie, die auf sein Denken Einfluß gewann; er machte sich mit fremden Sprachen und verschiedenen Wissenszweigen vertraut; fein nie rastender Geist nahm in sich auf, was die damalige Zeit erfüllte. Er lerme auch, wie es Sitte war, ein Handwerk, das Glasschleifen. Mit der cartcsianischen Philosophie wurde er durch seinen Meister Franz v. d. Ende vertraut, der, selbst ein kühner Freidenker, ihn mächtig anregte. Cartesius, „der Glanz des Jahrhunderts", wurde von ihm studiert und geistig erfaßt. Der Selbstmord Acostas, der wie andere Maranneu nicht das gefunden hatte, was seine träumerischen Erwartungen gehofft, die Martyrien seiner Stammesgenoffen, die sabbathianischen Wirren fielen in Spinozas Kinder- und Jugendzeit; bewußt und unbewußt wirkte alles auf feine empfängliche Seele, sowohl das, was er lernte, wie das, was er erlebte. Es wird berichtet, wie zur Zeit seiner seelischen Entwicklung das unredliche Verjähren einer scheinbar frommen Frau auf ihn wirkte. Allmählich ward er ein Zweifler; er soll sich religiösen Hebungen entzogen, auch Genossen mit feinen philosophisch freien Anschauungen vertraut gemacht und so Anstoß erregt haben. Er ward mit dem Bann belegt, wie es damals bei Christen und Juden üblich war; dabei wurde auf die Staatsbehörde Rücksicht genommen, die ängstlich darauf hielt, in keiner Religionsgemeinschaft Ketzerei auskommcn zu lassen. Bekanntlich wurde zu jener Zeit auch der christliche Denker Cartesius, obwohl derselbe gläubig war, in den Bann gethan. Den freien, ehrlichen Deuker Spinoza schreckte der Bann nicht, so wenig wie ihn ein angebotenes Jahresgehalt zu größerer Zurückhaltung verlockte. Er blieb unerschüttert, als ihn ein fanatischer Genosse mit dem Dolch bedrolste; er zagte nicht, als ihn schließlich 1656 der schwere Bann traf. Er verließ Amsterdam, wohnte zunächst in einer Ortschaft bei Amsterdam, siedelte 1660 nach Rhynsburg über, 1664 ging er nach Voorburg, 1669 nach dem Haag, wo er 1677 starb. In stiller Genügsamkeit ernährte er sich durch Glasschleifen; rastlos weiter arbeitend vollendete er sein System und vertiefte es immer mehr und mehr. Er schliff in mühsamer Arbeit die Brille, durch die große Geister die Welt an-