Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Jüdische Krankenpflegerinnen
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 88 (sequence 5)
- Language
- German
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Hm deutschen Reich. sS Es nützt uns auch nichts, wenn das Victoriahaus in Berlin den jüdischen Bewerberinnen keine satzungsgemäßen Aufnahmehindernisse bereitet; denn die Leistungen jüdischer Schwestern in einem sulchen Verein werden dem Jndcnthum nicht angerechnet, gan; abgesehen davon, daß den Jüdinnen, welche an einem solchen Verband theilnehmen möchten, so viel offene und versteckte Gegnerschaft von ihren Mitschwestern Zu Theil wird, daß sie die Berusssrendigkeit bald verlieren. Die Referentin verweist ferner die jüdischen Krankenpflegerinnen Zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes auf die Privatkliniken, insbesondere auf die der jüdischen Aerzte. Ich kenne zwar eine Reihe solcher Privatkliniken, Zumal in Berlin, aber eine jüdische Pflegerin habe ich in keiner getroffen. Sollten aber wirklich ein paar Dutzend junge Mädchen auf diese Weise in ganz Deutschland Unterkommen können, so werden sie Zwar ihr Brot verdienen, so lange sie arbeitskräftig und gesund sind, aber ersparen werden sie nicht viel können. Und was sollen sie anfangen, wenn sie krank oder altersschwach werden? Sollen sie dann auf die Wohlrhätigkeit ihrer Glaubensgenossen sich verlassen, oder sollen sie frohen Muths in das Armenhaus ziehen? Diese Sorgen bleiben den Schwestern der Vereine für jüdische Krankenpflegerinnen ersvart. Ich habe in meiner Broschüre ausdrücklich darauf hingewiesen, daß eine Krankenschwester eine ganz andere Stellung in der Oeffeutlickkeit cinnimmt, wenn sic einem bekannten, allgemein geachteten Mutterhaus augehört, als wenn sie auf sich allein angewiesen ist. Diese ist einer viel schärferen Kritik unterworfen und muß alle beruflichen Schwierigkeiten selbst anskämpfen; jene genießt von vornherein den guten Ruf des Mutterhauses und findet stets eine Stütze an demselben. Die alleinstehende Pflegerin findet schwer oder gar nicht Gelegenheit Zur weiteren Fortbildung; die einem Mutterhaus ungehörige dagegen kehrt von Zeit zu Zeit in dieses zurück, um ihre Kenntnisse aufzufrischen und ihren Zusammenhang mit demselben neu zu kräftigen. Das Mutterhaus eines großen Vereines endlich bietet den Schwestern nicht bloß während der Ausbildung, sondern auch später bei jedem Urlaub und bei eintretender Arbeitsunfähigkeit dauernd ein gemüthliches Heim, eine sorgenlose Kräftigungs- und Ruhestätte. Der alternden Schwester ersetzt es die Familie und gewährleistet ihr einen sorgenfreien Lebensabend.