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Im deutschen Reich · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. 87

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Jüdische Krankenpflegerinnen
Date
1902-02-01
Page
87 (sequence 4)
Language
German
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Jüdische Krankenpflegerinnen. 87 Die Glaubcnörichtung des Kranken geht die Pflegerin gar nichts an, und es ist nicht ihre Sache, ihm Vorschriften über die Befolgung von Ritualgesetzen zu machen. Was aber das Essen betrifft, so sollen es die jüdischen ebenso wie die christlichen Pflegerinnen möglichst vermeiden, Mahlzeiten im Hause des Kranken einzunehmen. Es kann also jedes jüdische Mädchen, das im übrigen dazu geeignet ist, einem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen beitreten, ohne befürchten zu müssen, daß sie etwas von ihrer religiösen Ueberzeugung aufopfern oder sich irgend eine Ueberzeugung aufdrängen laffen muß. Die Vereine für jüdische Krankenpflegerinnen dienen weder der Orthodoxie noch dem Reformjudenthum: Die jüdischen Schwestern sollen vielmehr allen unseren Mitbürgern beweisen, daß die jüdische Nächstenliebe die Bekenner jeder Religion umfaßt, sie sollen lebendiges Zeugniß ablegen von Len Gesetzen der jüdischen Moral, in alle Herzen sollen sie die Anerkennung jüdischer Aufopferungsfähigkeit eingraben. ES erübrigt mir nunmehr noch zu beweisen, daß es mit jüdischen Krankenpflegerinnen allein nicht gethan ist, sondern, daß wir auch jüdische Mutterhäuser brauchen. Die Rcferentin vom Januarheft meint, „die kgl. Charite Ln Berlin und ebenso wahrscheinlich jedes staatliche oder städtische Krankenbaus, das Pflegerinnen ausbildet, nehme Jüdinnen genau so und unter denselben Bedingungen auf wie Christinnen." Das ist ein ganz gewaltiger Jrrthum: die meisten staatlichen und städtischen Krankenhäuser bilden überhaupt keine Pflegerinnen aus und die wenigen, welche es thun, haben fast me jüdische Schülerinnen. Geschieht es aber wirklich einmal, daß ein jüdisches Mädchen nach Uebcrwindung der unglaublichsten Vorurteile in einer Pflegerinnenschule Aufnahme findet, und dieselbe unter Ertragung mehr oder minder widerwärtiger Kränkungen von Seiten der lieben Kolleginnen durchmacht, so ist damit dem Judenthum herzlich wenig gedient. Die paar staatlich oder städtisch geprüften Krankenpflegerinnen jüdischen Glaubens, die es in Deutschland giebt, sind nicht geeignet, eine Waffe gegen den Antisemitismus zu bilden. Da wird nur mit großen Verbänden, die auch große Leistungen aufzuweisen haben, etwas erzielt. Wenn wir, wie jetzt schon auf Hunderte, spater einmal auf Tausende von christlichen Kranken Hinweisen können, die die uneigennützige Pflege jüdischer Krankenschwestern genossen haben, daun werden unsere Gegner nicht mehr behaupten können, die Nächstenliebe erstrecke sich nicht aus Andersgläubige.

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