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Im deutschen Reich · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. 76

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Allerlei Jüdisches
Date
1902-02-01
Page
76 (sequence 3)
Language
German
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76 Im deutschen Reich. die Sache thälig gewesen, so weit mir irgend die Kraft reichte, zuerst als Schriftführer des Central-Comites in Berlin, dann auf Reisen von der schlesischen bis zur rumänischen Grenze, um in Galizien und der Bukowina die Lceal-ComiröS zu organisieren. Als ich heim kam, hatte ich das küssen und Schlafen verlernt, und der Arzt schickte mich schleunigst in die Schweiz. Dort flickte ich mir aus Rigi-Scheidegg langsam die Nerven wieder zurecht und kam dann nach Luzern hinunter. Am Abend meiner Ankunft war ein Hamburger Kaufmann mein Gegenüber an der Abendlasel des Hotels St. Gotthard, ein netter, angenehmer Mann, mit dem ich in behagliches Plaudern kam. Am nächsteil Morgen weckte mich in aller Frühe eine böse Nachricht ans Berlin. Das C'omite telegraphierte mir, in Hamburg sei die Cholera ansgebrochen; durchaus unrichtiger Weise sei das Gerücht verbreitet, daß sie durch die russischen Juden dorthin eingeschleppt worden fei. Ich möge an die mir befreundeten Blätter die telegraphische Bitte richten, diesem unwahren Gerücht — das war es wirklich — entgegenzntreten. Mit dreier Arbeit verbrachte ich den Bormittag und ging um Gins zur Frühstücks.'fable d'hnte. Der Hamburger sich bereits da, und rief mir, kaum daß ich mich gesetzt hatte, erregt zu: „Denken Sie nur, welche Depesche ich eben von Hanfe bekommen habe! In Hamburg ist die Cholera. Die Juden, diese verdammte Geißel der Menschheit, haben sie dort eingcschleppt." Der „Gotthard" ist ein Touristen-Hotel; die meisten Gäste bleiben nur einen Tag; Niemand lernt seinen Nachbar kennen, und es geht daher an der Tafel sehr still zu. Aber diese Nachricht wurde doch nicht lautlos ausgenommen, dazu war sie zu aufregend. Ich hatte die Empfindung, nicht bloß, daß ich cinlreten müsse, sondern auch, daß es hier mit dem Pathos nicht gethan sei. Und so sagte ich so laut, daß meine Stimme das erregte Gespräch an der Tafel übertönte: „Ja, die Cholera ist in Hamburg. Aber zweierlei muh ich Ihnen sagen. Erstens: die Juden sind daran unschuldig. Und zweitens: ich geißele selbst mit!" Der Kaufmann wurde verlegen. Einige lachten und die Spannung war beseitigt. Sagen muß man es, wiederhole ich zum dritten Male das Selbstverständliche. Zudem weiß in der Regel der Angreifer ohnehin, wen er vor sich hat. Wer schweigt, macht es also, wie mein einstiger Secretär Simon T. in Wien.

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