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Im deutschen Reich · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. 75

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Allerlei Jüdisches
Date
1902-02-01
Page
75 (sequence 2)
Language
German
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Allerlei Jüdisches. 75 „Ich habe diesen Tisch belegt! Wo sind meine Zeitungen?" Der Kellner stürzt herbei, deutet auf das Tischchen daneben und sagt den Herren, in seinem Eifer allerdings nur italienisch, das sei mein ständiger Platz und er habe sich dies daher gestattet. Die Herren setzen sich an den nächsten Tisch; (nebenbei bemerkt, es war Zwischen diesem und dem meinen wahrlich kein Unterschied). Aber sie sind dennoch sehr, sehr ungehalten, und der eine sagt zum andern, während der Kellner abstürzt, ihr Frühstück zu holen, überlaut: „Unerhört! Ich belege mir einen Tisch, und da kommt der Mann, legt die Zeitungen weg und seht sich selbst hin." Ich verliere die Geduld nicht so (eicht. „Das hat nicht der Mann gethan," erwidere ich lächelnd, „sondern der Kellner. Es ist der Platz, den ich immer habe." Darauf wieder der Sprecher von vorhin zu seinem Gefährten: „Er sagt: der Kellner! Das können wir glauben — das können wir nicht glauben — wie es uns gefällt." Nun ich allerdings auch nicht eben sanft, ich verbäte mir solche Redensarten. „Ist das der Ton unter Kulturmenschen?!" Da tont vom nächsten Tische die sanfte Stimme des Sachsen: „Aber kutester Herr F., dis gähn Sie doch nicht wundern! Es sind ja Juden!" Die beiden Herren schwiegen, aber — ich gestehe es — ich auch. Erst nach einer Minute hatte ich die Fassung gewonnen, dem Sachsen zu sagen: „Sie haben es gut gemeint, aber richtig war Ihr Trost nicht. Denn wir Juden sind auch Menschen, sogar Kulturmenschen." Der Sachse erwiderte nichts, sah mich aber nicht eben sreundlich an. Und die Beiden schwiegen auch und thaten das Gleiche. Ich aber saß in der Mitte und schaute Niemand feindlich an, machte mir aber im Stillen meine Gedanken über beide Theile. Auszusprechen brauche ich sie hier wohl nicht. Das war das einzige Mal, wo es mir schwer fiel, zu sagen: „Ich bin Jude!" Aber ob es einem nun schwer oder leicht fällt, man muß es thun. Die Tonart muß freilich taktvoll gewählt sein. Viele sagen es scherzhaft; das ist nicht immer angemessen. Ich habe es nur einmal in dieser Tonart gethan, aber da hatte ich die Empfindung, als ob es nicht anders ginge. Es war im Sommer 1891, für mich unvergeßlichen Angedenkens: der Sommer, wo sich der Strom der flüchtigen russischen Juden über Deutschland ergoß. Ich war vom Mai bis in den August hinein für

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