Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Allerlei Jüdisches
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 74 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Im deutschen Reich. Allerlei Jüdisches. Von Karl Emil Franzos. folgende Aufzeichnung betrifft eine Frage, die heute jede <MM denkenden Juden beschäftigt. Sie erhebt nicht den Anspruch, diese Frage lesen zu wollen; sie ist lediglich das individuelle Bekenntniß eines Einzelnen. * * Jeder anständige Mensch wird, wenn ihm gegenüber sein eigenem Nest beschmutzt wird, Farbe bekennen und sagen: „Ich gehöre mit dazu." Es geschieht also gewiß nicht, um mich zu rühmen, wenn ich ausspreche, daß ich stets, wenn jemand mir gegenüber ungünstig von Juden spricht, ihn, je nach seiner eigenen Tonart, mehr oder minder höflich ersuche, dies zu unterlaffen, weil ich selbst Jude sei. Nur einmal ist mir dies so bitter schwer gefallen, daß ich es nicht sofort, sondern erst nach einer Minute that. Ich verbrachte im Sommer 1901 einige Wochen in Münster im Elsaß. Mir gegenüber saß bei der Mittagstafel im „Hütel Münster" ein Herr aus einem Fabriksort bei Chemnitz, ein sehr höflicher Mann mit ganz unglaublich sächsischem Dialekt. Wir sprachen zuweilen einige Worte. Als Stammgast hatte 7ch auch des Morgens im Frühstückszimmer meinen bestimmten Platz, den mir der Kellner, ein Italiener, immer frei hielt. Schwer fiel ihm dies nicht; ich frühstückte zu einer so frühen Stunde, daß in der Regel die meisten Tischchen unbesetzt waren. Als ich nun eines Morgens erscheine, erzählt mir der Kellner in seinem Kauderwälsch von Italienisch, Französisch und Deutsch, zwei Herren hätten die Plätze an meinem Tischchen belegt, aber er hätte ihre Zeitungen aus das nächste placiert. Die eifrig vorgetragene Geschichte war für mich nur von linguistischem Interesse. Ich setzte mich also hin und frühstückte. An einem anderen Tischchen that der Sachse das Gleiche. Nach einer Weile erscheinen die beiden Herren, sichtlich Glaubens¬ oder doch — man kann mit derlei Behauptungen heutzutage nicht vorsichtig genug sein — zum mindesten zweifellos Rasse-Genossen. Sie treten an meinen Tisch heran, und der eine von ihnen sagt sehr brüsk: