Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Der Antisemitismus in der Schweiz
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 71 (sequence 7)
- Language
- German
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Der Antisemitismus in der Schweiz. 71 biedere Schaffhausener, wenn erst der zionistische Judenstaat in Palästina organisiert sein würde, dürfe jeder Jude in die Lage kommen, sich zu erklären, ob er wirklich noch Jude bleiben oder Deutscher werden wolle. Wer sich dann für das letztere entscheide, werde auf die Sabbathfeier, die Spcisegesctze, die Beschneidung u. s. w. verzichten müssen, um sich vollständig mit der übrigen Bevölkerung zu vermischen. Daß der Verzicht auf Befolgung der rituellen Vorschriften des Judenthums diese Wirkung nicht hat, ist aber schon hinreichend dadurch bewiesen, daß den zahlreichen unbeschnitteneu, weder Sabbath noch koschere Speise kennenden, bereits als Christen geborenen Sprößlingen jüdischer Eltern, manche oft als „Ghettoschalen" bezeichneteu Eigenthümlichkeiten zumeist in größerem Maße anhaften als den ungetansten Juden. Heutzutage haben bekanntlich deshalb die Convertiten und Judensprößlinge, genau so wie ehemals in Spanien die Marannen, unter der Verfotgungssucht der Rasseantisemiten mitunter mehr zu leiden als die glaubenstreuen Inden. Sie erreichen zwar, weil der Staat eine Prämie auf die Taufe setzt, Ehrenstellungen, Beförderungen u. dergl., stehen aber gesellschaftlich oft so isoliert da, daß sie kränkenden Dorurtheilen nur dann entgehen, wenn stolze Titel oder sehr reiche Mittel ihnen einigen Schutz gewähren. In Frankreich, wo es unter 40 Millionen Einwohnern nur etwa 80 000 Juden giebt, ist der Antisemitismus nur dadurch emporgewuchert, daß dort, außer diesem Häuflein meistens recht harmloser treuer Bekenner der jüdischen Religion, Zahlreiche Ueberläufer in hervorragenden Stellungen und an der Spitze großer finanzieller Unternehmungen vorhanden sind, den von den Rasseantisemiten irregeleiteten Minderbezütcrten trotz der Tause noch als Juden gelten und durch ihre bevorzugte Lebenslage Neid und Haß erregen. Tie Schweizer vom Schlage des Schaffhausener Antisemiten, welche sich selbst nicht zu den strenggläubigen Christen rechnen, müßten, wenn sie aufrichtig wären, auch offen bekennen, daß ihnen die wirthschaftliche Seite der Judenfrage weit mehr am Herzen liegt, als die mit den rituellen Vorschriften zusammenhängende religiöse Seite derselben. Der 5. Zioniften-Kcngreß, der dem Wortführer der Schweizer Antisemiten so gewaltig in die Glieder gefahren ist, hätte diesen mindestens veranlassen sollen, sich darüber Kenntniß zu schaffen, was die Zionisten wollen, ehe er deren Zusammenkunft zum Vorwand für den Versuch nahm, für die Austreibung aller Juden aus Europa Stimmung zu machen, und zunächst den Kongreßteilnehmern Pläne unterzuschieben, die ihnen sicher fremd sind. Er sagt schlankweg, daß dieselben nichts weiter erlangen wollen als „Heimathscheine, die es