Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Der Antisemitismus in der Schweiz
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 Im deutschen Reich. Unbedingt muh es zugegeben werden, daß in der Schweiz kein Mangel an charaktervollen, wohlwollenden, menschenfreundlichen Männern ist, aber seltsam genug versagen diese trefflichen Eigenschaften zuweilen selbst bei solchen, wie einst bei den Griechen, wenn es sich um Mitmenschen anderen Stammes handelt. Aber in einem Freistaate, der in den Zeiten des politischen Rückschrittes so vielen heimathlos gewordenen Einwandernden eine Zuflucht gewährte, in dem Anhänger der verschiedensten politischen Richtungen, Bekenner der mannigfaltigsten Religionen einträchtig zusammen wohnen und wirken, sollte man doch geistig hoch genug stehen, um jeden einzelnen Menschen nach seinem eignen Wesen und Wandel, nicht aber nach seiner Abstammung oder seinem religiösen Bekenntnkß abzuschätzen. Dort sollte man jedem die Möglichkeit gewähren, sich als guter Bürger zu bewähren, gleichzeitig aber auch in Glaubenssachen an denjenigen Einrichtungen festzuhattcn, die keinem Andersdenkenden nachthcilig, ihm aber, gleichviel ob aus Ueberlieferung oder Ueberzeugung, lieb und heilig sind. Trotz der großen Kulturfortschritte, die in dem letzten Jahrhundert gemacht worden sind, stehen viele Schweizer in Bezug auf ihre Stellung zur Judenfrage doch nicht auf dem vorurtheilslosen Standpunkte des großen Genfer Philosophen Rouffeau, der schon im 18. Jahrhundert in seinem großen Erziehungsbuch „Emile" seinen Zeitgenoffen zurief: „Kennen Sie viele (Fristen, welche sich die Mühe gegeben haben, das, was das Judenthum vorbringt, einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehend Wenn einigen davon etwas bekannt geworden ist, haben sie es in den Büchern der (Christen gelesen. Eine herrliche Art und Weise, sich über die Gründe Andersdenkender zu unterrichten!" Wohl kaum einer der schweizerischen Schriftsteller, die in den letzten Jahrzehnten über Judenthum oder jüdische Einrichtungen geschrieben haben, hat sich über diese Dinge in jüdischen Schriften orientiert: ihre Duellen waren meist judenfeindliche Parteischristen bezw. antisemitische Zeitungen und Broschüren. So standen die Dinge, als vor etwa 10 Jahren die von deutschen Thierschutzvereiueu rastlos betriebene Agitation gegen die jüdische rituelle Schlachtmethode auch nach dem schweizerischen Freistaat hinübcrgetragen wurde. Ohne das zu würdigen, was von jüdischer Seite gegen die irrthümliche Behauptung angeblicher Thierquälereien beim Schächten und für die religiöse Bedeutung der Aufrechterhaltung der uralten Speisegesetze eingewandt wurde, nahmen viele Schweizer alles auf Treu und Glauben hin, was in den maffenhaft durch den Berliner Thierschutzverein verbreiteten Flugblättern gegen das Schächten gesagt wurde. Daß sich in Deutschland viele Hunderte von fachmännischen