Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Das Rabbinerkolleg in Italien
- Date
- 1902-01-01
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Das Rabbiner ko! leg in Italien. Das Institut begann seine Thätigteit unter den günstigsten Umständen. Aus allen Theilen der Monarchie eilten tüchtige junge Leute nach Padua, welche nach Besuch der niederen konfessionellen Tora-Talmudschulen und nach Beendigung der philosophischen Studien in den öffentlichen Lyceen das Diplom eines Doktors der Theologie zu erlangen suchten, welches unentbehrlich war, um nach der kaiserlichen Verordnung als Rabbiner anerkannt und zur Ausübung des heiligen Berufes zngelaffen zu werden. Es standen dem Unterricht in Padua zwei Leuchten der jüdischen Wiffenschaft vor, die Professoren Lelio Tclla Torre und Samuel David Luzzatto. Bei solcher Leitung ist cs nicht wunderbar, wenn das Kolleg in ausgezeichneter Werse funktionierte und glänzende Erfolge ergab. Vierzig Jahre hindurch wurden in Padua die ersten Rabbiner Italiens unterrichtet, erzogen, geschaffen; vieler von ihnen wird noch heute in den größeren Städten Italiens mit berechtigtem Stolze und tiefem Bedauern gedacht. In dieser Beziehung sei nur erinnert au Lelio Eantoni in Piemont, Abraham Lattes in Venedig, Marco Mortara in Mantua, sowie Salomen Olper in Florenz und Turin, der auf der Kanzel nicht nur den Glaubensgenossen, sondern auch den katholischen Gelehrten, welche in die Synagogen strömten, um ihn anzuhören und zu bewundern, ein Meister der Beredsamkeit war. Padua ward zu einem Mustcrseminar. Mainster in Rovigc, Diterbi in Padua, Gentili in Görz, Pardo in Verena, Sacerdoti in Bozzolo, Basem in Sabbionetta, Igel in Modena, Ehrenreich in Easale und andere, deren Aufzählung zu lange dauern würde, bildeten eine mächtige Schaar, welche der Schule von Padua den Beifall Italiens und den Neid des Auslandes cinbrachte. Tie Bedeutung des Instituts begann abzunehmen mit der nationalen Revolution, die in Piemont im Jahre 1*4* ihren Anfang nahm, durch das geeinte Königreich im Jahre 1*00 fortgesetzt wurde und im Jahre 1*70 mit der Befreiung Roms ihren Abschluß fand. Die Gründe dieses Verfalles sind mannigfache und umfassende, und zu ihrer Erklärung braucht man nicht aus die tiefsten Quellen der Philosophie der Geschichte zurückzugehen. Vor allem ist es eine alberne, falsche und beklagenswerthe Annahme, daß die Freiheit sich nicht mit der Religion vertrage. Im Gegentheil kann und müßte man stets die Gefühle des Glaubens mit denen für das Vaterland vereinigen und in Uebereinstimmung bringen. Doch unleugbar eroffnete nicht wenigen Israeliten die politische und bürgerliche Freiheit neue Horizonte, gestattete neue Berührungspunkte, erregte neue Wünsche und erweckte neuen Ehrgeiz. Als Wirkung der Freiheit begann man