Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Parität
- Date
- 1902-01-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Fm Daitjdjcn iHeicfckommt heutzutage nirgends mehr in Deutschland vor, daß ein Beamter wegen seines katholischen Glaubens zurückgesetzt wird. Ja, die Vetterschaft eines Zentrumsführers kann sogar heute jedem Aspiranten sehr nützlich sein. '*) Wir Juden haben niemals nach Parität in diesem Sinne gerufen. Wofür wir kämpfen, ist die Gerechtigkeit. Wir verlangen nur, daß man solche Bewerber, die gut geeignet und sittlich makellos sind, nicht darum zurückweist, weil sie Gott mit anderm Namen anrufen. Wollten wir aber die Erscheinungen in Deutschland vom Standpunkte der Parität aus untersuchen, dann würde es sich zeigen, daß in den meisten Staaten Deutschlands keine Konfession so schlecht wegkommt, wie die jüdische. Ich frage gar nickt, wie viele Minister, höhere Räthe und Generäle jüdischen Glaubens wir in Deutschland haben müßten. Aber wie viele jüdische Verwaltungsbeamten, Ossiziere, Staatsanwälte, Gerichtsdirektoren und Gpmnasialdirektoren haben wir in Preußen aufaufzuweisen? Antwort: Null. Ich frage weiter: wie viele ordentliche Professoren und Gymnasiallehrer giebt es in Preußen? Antwort: sehr wenig. So giebt es z. B. Ln Rheinland, Westfalen und mehreren anderen Provinzen nicht einen jüdischen Gymnasiallehrer. Dabei sind wir Juden am stärksten an dem Besuch der Mittel- und Hochschulen betheiligt. Was also bei den Katholiken zum Milderungsgrund wird, das würde bei uns die Klage noch verschärfen. Da giebt es nur die eine Erklärung, wie die Phrase heute lautet: „Der Staat trägt der Stimmung der Bevölkerung Rechnung". Erst sucht man nämlich durch die künstliche Absonderung und Zurücksetzung einer Bürgerklasse eine mittelalterliche Stimmung im Volke großzuziehen, und dann beruft mau sich auf diese Stimmung. Fragt man die sogenannten Gebildeten nach dem Grunde dieser stiefmütterlichen Behandlung, so antworten sie, die Juden seien noch nicht genügend assimiliert. Diese Ausrede ist mehr als Lhöricht. Die deutschen Juden haben in der verhältnißmäßig kurzen Zeit )eit ihrer Emanzipation Großes sowohl auf wirthschaftlichem wie auf geistigen: Gebiete geleistet und dadurch gezeigt, daß sie am Gedeihen des Reiches mit ganzem Herzen theilnehmen. Die Negierungen der meisten deutschen Staaten haben ihnen selten in ihrem Bestreben, deutsch zu werden geholfen, sie haben häufig redlich dazu bcigetrageu, sie in ein neues Ghetto ohne Mauern hineinzudrängen. Versteht man unter Assimilation Anpassung an Denkweise, Sitten und Gebräuche, also *) Mir erzählte unlängst ein badischer Gerichtsbeamter im Ernst, unter seinen Kollegen hieße es jetzt, als Zentrumsrnann habe mau die besten Aussichten, schnell Karriere zu machen.