Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. 673

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1901-12-01
Page
673 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2316602-2316676-2316688--08932-2328859
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 673 griffe in die Privatangelegenheiten der Beamten erregen nur unnütze Erbitterung." Wahrscheinlich erbittert diese 'wohlgemeinte Warnung nur die Unternehmer der massenhaften Vereinsversammlungen und Vereinsfeste, durch welche die antisemitischen Führer nicht nur viele Subaltern beamte an sich zu fesseln, sondern auch die Parteikasse zu füllen suchen. Selbst FürsLHerbert Bismarck ist trotz der Stellung, die er in der konservativen Partei einnimmt, nichts der Abkanzelung durch die antisemitische Presse entgangen. Ein Bericht des Herrn von Keudell über die Beziehungen Bleichröders zu dem verstorbenen großen Altreichskanzler veranlahte die antisemitische Dresdener „Deutsche Wacht" zu der Bemerkung: „Wenn die von Bewer u. a. gehegten Hoffnungen, daß vom alten Bismarck noch wie vom jungen ein entscheidendes Wort zur Judenfrage gesprochen werde, sich nicht erfüllt haben, so dürfte das nicht außer Zusammenhang mit den früheren Beziehungen zu Bleichröder stehen." Wer sich erinnert, wie dieselben Antisemiten einst die „Bismarck-Verehrung" für ihre Parteizwecke auszubeuten und jeden Bewunderer des Altreichskanzlers zu ihrem Parteigenossen zu stempeln wußten, der wird es begreiflich finden, daß die geschäftstüchtigen Antisemiten seit Monaten die weitverbreiteten Svmpatbicn für die unglücklichen Freiheitskämpfer in Südafrika dazu benutzen, harmlose Leute durch Ankündigungen von „ Buren-Vorträgen" in Versammlungen zu locken, in denen stundenlang Judenhaß gepredigt und nur minutenlang Svmpathieen für die armen Buren bekundet werden, von welchen diese nur geringen Dortheil haben. Auf seinen „Volksbund-Gefchäftsreisen" kam Hans von Mosch u. A. am I. December nach der mit Kind und Kegel 760 Seelen zählenden Colonie „Lindenstadt" bei Birnbaum und hielt dort im Schützenhause nicht weniger als drei Vorträge: „Der Derzweiflungstampf der Buren", „Die Beschimpfung des deutschen Heeres durch den englischen Minister Chamberlain" und „Der Verzweiflungstampf des eigenen deutschen Volkes". Der Birnbaumer Correspondent der „Neumärkischen Zeitung" versichert, daß 300 Zuhörer (!) anwesend gewesen und 50 Mark für die armen Buren gesammelt worden seien. Nach diesem wclterschütternden Erfolg wird sicher nächstens auch Herr Wilhelm Bruhn in der Metropole Lindenstadt debütieren! Da die Führer der verschiedenen antisemitischen Fraktionen diesen „Tric" für zugkräftiger halten als Vorträge über „Kornzölle" u. dgl., kann es nicht ausbleiben, daß sie sich dabei jene scharfe Coneurrenz machen, welche das Hamburger antisemitische „Deutsche Blatt" einer beißenden Kritik unterzog. Es schrieb unter der Spitzmarke „Reformer und Volksbündler":

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.