Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-12-01
- Page
- 667 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 667 Seit jener unseligen Zeit sind Jahrhunderte verflossen; die größten Kulturerrungenschaften und die erfreulichsten Fortschritte derVolksbildung haben es aber nicht verhindert, daß sich neuerdings wiederum Einzelerscheinungen wahrnehmen lassen, die in bedenklicher Weise an die abscheuliche Raserei der mittelalterlichen Geißler erinnern. Wiederum appelliert man seit Jahren vielfach unbehindert an die schlimmsten Instinkte der Massen: Habsucht, Neid, Nassen- und Religionshaß. Dabei mißbraucht man die herrlichsten Errungenschaften des Volkes, die Freiheit der Presse und des Versammlungsrechts zu ziemlich unverblümten Aufreizungen, die sich zwar zunächst gegen die jüdische Minderheit der deutschen Bevölkerung, dann aber auch gegen alle Besitzenden, in der Hauptsache aber gegen die ganze jetzige staatliche * und gesellschaftliche Ordnung richten, an deren Umsturz die „neuzeitlichen Geißler" noch eifriger arbeiten als die unverhüllten Anarchisten, welche letztere kaum großen Anhang gewinnen können, weil ihre Gefährlichkeit von niemandem verkannt »wird. Weit schlimmer als offene Opposition wirken Versammlungen, die mit schwungvollen loyalenPhrasen und mit einem Hoch auf den Landesher-rn cingeleitet und mit patriotischen Liedern geschlossen werden, in deren Verlaus aber die auswärtige Politik des Reiches als eine wenig volkstümliche oder gar als eine seit dem Rücktritt des eisernen Altreichskanzlers heruntergekommene, die Rechtspflege als eine „jüdisch-römische", die bekanntlich über jede philosemitische Anwandlungen erhabene Verwaltung trotzdem als eine „von den Juden beeinflußte" dargestellt wird. So widersinnig solche Ausführungen sein mögen, wirken sie doch aus die Massen verwirrend, weil diese aus der langmütigen Duldung solcher Aufreizungen durch die anwesenden behör-Uchen Organe den sehr begreiflichen Schluß zu ziehen pflegen, daß an jenen Anschuldigungen doch manches Wahre sein müsse. Schließlich bewundern diejenigen, „die nie alle werden" den Muth der „charaktervollen Patrioten", denen „Deutschland über Alles" geht, und die, ohne Furcht vor den doch meistens wohl aus der Parteikasse entrichteten mäßigen Geldstrafen, der „Engländerei" voll „Männerstolz 'wr Königsthronen" trotzen, um keineswegs den Umsturz seiner selbst wegen, sondern nach ihrer Versicherung nur deshalb herbcizuführen, um .Fas Königtum wieder arisch und volkstümlich" zu machen. Unzusiiedene giebt es ja überall und immer, aber dieses nahezu unbehinderte staatsgefährliche Treiben mehrt ihre Zahl in einer Weise, welche ein „neuzeitliches Flagellantenthum" schafft, dessen Gefahren man jetzt ebenso wie im Mittelalter verkennt, weil man in vielen Kreisen sich durch die grotesken Manieren der antisemitischen Volksredner k-rüber täuschen laßt, daß hinter dem derben Humor sich bitterer Ernst