Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Die bayerischen Volksvertreter jüdischen Glaubens
- Date
- 1901-12-01
- Page
- 662 (sequence 4)
- Language
- German
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662 Im deutschen Reich. Nur einmal trat er aus seiner Zurückhaltung heraus. Als nämlich im Januar 1855 die Kammer über den vorgelegten Entwms eines neuen Wahlgesetzes zu berathen hatte, welches nicht nur an Stelle des allgemeinen Wahlrechts ein Repräsentativsystem mir ständischer Gliederung setzen, sondern auch die Juden vom Wählen und Gewähltwerden ausschließen wollte, da erwachte in ihm nicht nur der Achtundvierziger, sondern auch der Jude, und damals hielt er seine beste Rede. Er erzählte eine Anekdote von einem, der in der Stunde seines Sterbens in die Lage kommt, den Trauermarsch mitanhören zu müssen, den man einübt, um ihn bei seiner Beerdigung zu spielen. „In einer solchen nicht beneidenswerthen Lage befinde ich mich. Die Debatte, die ich anhören muß, ist der Trauermarsch, den man anstimmt, gewissermaßen zu meiner Beerdigung. — Je höher die Stellung eines Mannes im menschlichen Leben ist, desto ausgeprägter muß der Charakter sein, den der Mann hat. Daher kommt es, daß gewisse Namen von besonders hervorragenden Männern auch gewisse Begriffe bedeuten. Welchen Charakter hat nun ein Ministerium, dao vor einigen Jahren die Judenemanzipation so warm empfohlen und jetzt mit einem Wahlgesetz vor dieselbe Kammer tritt und erklärt: Bayern ist ein christlicher Staat! Man kann wohl einmal mit seinen Ansichten wechseln, das ist keine Schande. Aber bei Gegenständen, die als abgeschlossen gelten in Doktrin, wie in Praris, darf sich eine Ansicht nicht ändern, wenn nicht gewichtige Gründe alles Bisherige über den Haufen werfen. WaS soll denn das heißen: Bayern ist ein christlicher Staat? Man sagt: wer bei den wichtigsten Angelegenheiten des Staates urtheilen will, muß fühlen und handeln wie die Mehrzahl der Einwohner. Ist denn das bei den Juden nicht der Fall? Ist denn ein jo großer Unterschied zwischen guten Juden und Nichtjuden? Ist denn ein schlechter Christ besser alo ein schlechter Jude? Oder gar besser alö ein guter Jude? Es giebt überhaupt verschiedene Religionsgesellschaften auch im Christenthum. Es giebt verschiedene, von denen jede das Richtige zu haben glaubt. Sie alle streiten in Dogmen unter einander. Dao wird ffo bleiben, so lange die Welt steht, aber ich würde es eine Anmaßung nennen von einer Genoffenschast, wenn sie behauptet: „Wm haben allein das Gute," und wenn sie in ihrer Majorität behaupten wollte, die Minorität müßte ausscheiden. Wohin würde das führen? Das würde zu Kämpfen der Confejsionen selbst in der christlichen. Kirche führen, die, ich -hoffe es, nach einem 30jährigen Kriege alo beendet zu betrachten sind. Wer solche Grundsätze der Ausschließung hat, wie kann der jenes „heilige" Rußland anklagen, welches Alle fün