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Im deutschen Reich · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. 660

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Die bayerischen Volksvertreter jüdischen Glaubens
Date
1901-12-01
Page
660 (sequence 2)
Language
German
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660 Im deutschen Reich. Morgenstern sagte einmal: „In jedem einzelnen Manne spiegelt sich seine Zeit ab. Manche Leute allerdings spiegeln alle Zeiten in sich ab. Bei andern ist das gottlob nicht der Fall." Das paßt ans ihn selber, der bis in die Zeit hinein, wo andere Leute bereits andere Zeiten in sich abspiegelten, derselbe blieb, der er bei seinem Ausgangspunkte gewesen, der Demokrat vom Jahre 1848. Als nach der Vertreibung des Rumpfparlaments von Stuttgart der Kampf für Einheit und Freiheit von der Straße in die Parlamente verlegt wurde, gehörte er zur kleinen Schaar der Treugeblicbeucn, die mit dem Streben nach Einführung der Reichsverfassung auf gesetzmäßigem Wege die Fahne der Demokratie entrollten und ausriefen: kein Preußen, kein Oesterreich, sondern Deutschland! Wenn auch einstweilen die angcstrebte Einheit an der Uneinigkeit' der Fürsten gescheitert war, hielt Morgenstern fest an der Ucbcrzeugung und verkündete es 1850 mit prophetischer Voraussicht von der Tribüne herab, daß das Zustandekommen eines einigen großen Vaterlandes unausbleiblich sei. Denn das Volk, obwohl es Niederlagen erlitten, ist eine geistige Macht, und Ideen können nur mit Ideen, nicht, wie in der Pfalz, mit Bajonetten besiegt werden. „Eine Idee, welche Märtvrer aufznweisen hat, die mit Lust und Liebe in den Tod für ihre Sache gehen, eine solche Idee geht nicht unter." Als Morgenstern mit diesen Worten seine gelegentlich der Debatte über die deutsche Frage gehaltene Rede beendet hatte, erschollen vielseitige Bravorufe in der Kammer, so daß der Präsident bemerken mußte: Wenn Sie Bravo rufen wollen, so müssen Sie ins Theater gehen! Im Sinne des eben augedeuteten Programms, im Sinne des entschiedenen und bis zum Aeußerstcu konsequenten Freisinns arbeitet Morgenstern seit seinem Eintritt in die Kammer für den Ausbau der Gesetzgebung in konstitutioneller Richtung, und mit einem Manncomutv, dem auch der Gegner seine Achtung nicht versagen konnte, tritt er für Beobachtung der Versassuugsrechte gegen jeden Eingriff urd Uebergriff der Behörden ein. „Wer schweigt, wo zu sprechen Pslicbt ist, wer nicht handelt, wo zu handeln Pflicht ist, der wird dahin fcmntcn, wohin er zu kommen verdient" Mit solchen Kraftworten warnt er vor der hereinbrechenden Reaktion, die am Anfang der fünfziger Jahre alle freiheitlichen Errungenschaften wieder zu vernichten drohte, was auch bei der Schwäche der konservativ-liberalen Mehrheit der Kammer gelungen wäre, wenn nicht die Linke solchen Bestrebungen einen Damm entgegengesetzt hätte. Nur keine Schwachheit, nur keine Halbheit! „Die Verletzung eines kleinen Rechtes ist gerade so bedeutend wie die Verletzung eines großen Rechtes. So wenig es eine halbe Gerechtigkeit oder eine halbe Wahrbeit giebt, so wenig ist ein

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