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Im deutschen Reich · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. 635

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1901-11-01
Page
635 (sequence 3)
Language
German
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Vereinsnachrichten. 635 anssagen. 3(m heutigenAbend in derZeit von 7bis8bat ein philosophischer Kollege aus Breslau, Or. W. Stern, hier einen Dortrag über die Psychologie der Aussage gehalten, dem ich nur zum Theil beiwohnen tonnte, weil ich in die hiesige Versammlung gehen wollte, einen Vortrag, auf den ich, wenn er demnächst publiziert wird, Ihre Aufmerksamkeit ganz besonders hinlenken mochte. Kollege Stern aus Breslau bat an einer Reihe von Personen, 30 Studierenden, theils studierenden Herren, thcils studierenden Damen, seine Experimente gemacht, er hat ihnen einzelne Genrebilder vorgehalten, eine bestimmte Zeit, drei Viertel-Minuten, und daun unmittelbar die einzelnen Personen niedcrschreibcn lassen, was sie gesehen haben, und hat dann nach einer Wecke, nach 14 Tagen, nach drei Wochen diese Aeußeruug, ohne daß das Bild wiederum angesehen wurde, wiederholen lassen, und hat dann schließlich seinen Versuchspersonen die Frage vorgelegt: VFas würdet ihr beeidigen von demjenigen, was ihr jetzt niedergcschrieden habt? Es wurden in den Aeußerungen, die schriftlich fixiert waren, diejenigen S:eilen unterstrichen von den Herren und Damen, die bereit waren, diesen Theil ihrer Aussage unter Eid zu erhärten. Es bat sich her ausgestellt, daß in jeder einzelnen dieser eidlich zu erhärtenden -Anssagen zwei bis drei falsche Thatjachen enthalten waren. (Bewegung.) Unter Eid gestellt war in jeder einzelnen Aussage ein Falscheid. Ans solchen Aussagen ruht unter Umständen unser ganzes Strafverfahren. Die Zuverlässigkeit einer Zeugenaussage liegt zunächst in der Fähigkeit der Wahrnehmung, sie liegt weiter in der Treue der Erinnerung, dann in dem guten Willen und in der Fähigkert der Wiedergabe. Zwischen der Wahrnehmung, selbst wenn sie vollkommen zu-' trcifend sein sollte, vollzieht sich ein psychischer Prozeß, der das Erinnerungsbild schwächt, in den meisten Fällen mein' oder weniger trübt. Das Erinnerungsbild trübt sich, wenn heftige Gemütbsbeweg'ang, wenn Autosuggestion oder wenn gar eine gewaltige Massensuggestion hinzutritt, und die Fehlerquellen mehren sich, wenn die Aussage nicht einmal, sondern zweimal, dreimal und öfter abgelegt wird. Jeder von uns weiß es. der in der Lage gewesen ist, daß man bei der zweiten Aussage weniger an die erste Wahrnehmung, als an die erste Aussage zurückdenkt und die Uebcreinstimmung zwischen der ersten Aussage uud der zweiten Aussage herzustellen sucht, und es muffen die Fehlerquellen dann erst recht ins ungemeffcne potenziert werden, wenn die Aussagen schrift ich fixiert sind, und wenn bei der Vernehmung in der Hauptverhandlung der anssagende Zeuge festgenagelt wird auf dasjenige — nicht etwa, was er in früheren Stadien des Verfahrens aus-

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