Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Konitz
- Date
- 1901-11-01
- Page
- 578 (sequence 8)
- Language
- German
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578 Im deutschen Reich. Als die ruchlose Thal sich jährte, also am I I. März 1901, wurde in einer — mau muß es gestehen, sehr stattlich besuchten — Versammlung der deutschsozialen Reformpartei in Berlin das Andenken au Wintergefeiert, — und in der gleichen Weise wurde an demselben Tage eine große Trauerstier für Winter in Könitz veranstaltet von Herrn Bruhn, dem das unbestreitbare Verdienst zuzufchreiben ist, daß er in dieser Sache weit mehr geleistet hat, als irgend einer der anderen Antisemiten — und, meine Herrschaften, die anderen haben es ihm sehr schwor gemacht, sie zu übertreffen. Die Staatsbürger - Zeitung hat natürlich auch den 11. Marz 1901 mitgefeiert, und zwar in einer eigenartigen Weise, in einer Weise, die grade ihre Eigenart bildet. Sie hat nämlich auch daran erinnert, daß ein Jahr vergangen ist, seit dieser herrliche Jüngling ins Grab gesunken, und sie hat dies, um das deutsche Bewußtsein recht rege zu erhalten, zum Anlaß genommen, die Schächtpostkarte des Herrn Dewald allen Menschen zu empfehlen. Einmal wird ja ein gutes Geschäft gemacht, wenn die vertrieben wird, sodann aber wird das Schachtmärcheu, das Ritual - Blntinord - Märchen, wieder etwas mehr unter die Leute gcbracl)t, — jene selbe Schächtpostkarte, wegen der-ni Herr Dewald vor einiger Zeit 6 Monate Gefängniß erhalten bat. Allerdings wurden durch diese Würdigung des Werthes der Postkarte seitens des unparteiischen Gerichtes dann die Antisemiten gleich bedenklich gemacht, denn nunmehr fand die autiscmnische Presse, daß sie ja von vornherein diese Karte für eine arge Geschmacklosigkeit und Verirrung erklärt hatte. Gelesen hat cs seinerzeit allerdings niemand; damals konnte man nur die Empfehlung in jenen Blättern finden. Als so zunächst das Mitleid für Winter rege gemacht war, fand sich sofort ein Abgesandter der Antisemiten in Könitz ein.' Die Antisemiten drängten sich vor allem an den alten Winter heran, denn das sagten sie sich wohl berechnet, daß es immer einen gewissen Eindruck mack)t, wenn ein Vater, wenn Eltern, denen das Kind hiugemordet ist, sich aussprechcn, wenn diese die traurigen Empfindungen, die sie naturgemäß bewegen, die ihr Herz ja wohl brechen können, kundgeben, wenn sie sie, wie es in diesem Falle geschehen ist, allen Leuten preisgeben, wenn sie mit ihrer Trauer prunken und wenn damit die Herren Antisemiten Geschäfte machen können. Deshalb wandte man sich an den alten Winter und verfaßte ihm ein Telegramm an das Ministerium in Berlin, als die Staatsanwaltschaft das Begräbniß in Könitz zu einem stillen gestalten wollte. Winter protestierte feierlich dagegen — d. h. welcher Antisemit nun hinter Winter pro-