Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Konitz
- Date
- 1901-11-01
- Page
- 576 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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576 Im deutschen Reich. genannten Gebildeten sich als erheblich niedriger erwiesen hat, .ns man es voranssetzen sollte. Sie werden im Laufe des Abends auch Gelegenheit haben, in dieser Beziehung noch die Bekanntschaft mancher Herren zu machen, in deren Acußerungen Sie meine Worte bestätig finden werden. Es waren nun, als der Mord geschehen war, antisemitische Geschäftsleute sofort bei der Hand; die Herren haben Eines, was sie den Juden stets vorwerfen, nämlich überaus praktischen Geschäftssinn, und erkannten mit einem Blick: hier ist eine Gelegenheit, wie sie so bald nicht wiederkommt: wir haben hier soeben erst agitiert, nun kommt noch eine solche That hstnu, Ostern steht auch vor der Tbnr - das wird ja immer dazu gebraucht — also muß ein Ritualmord hcrauskommen. Das heisst: Ritualmord'ist ja nicht richtig ausgodruckt: das Wort „Ritualmord" haben sich die Herren thatsäehlich abgewobut seit einiger Zeit. Wenn sie es Ritualmord nennen würden, dann würden sie \a damit andeuten, daß der Mord mit dein jüdischen Ni Urs im Zusammenhang steht, und da giebr es gewisse unbequeme Paragraphen des Strafgesetzbuches, die man bester nicht verletzt, und da auch bei diesen Herren — und gerade bei ihnen vorzugsweise — Vorsickt der bessere Thcil der Tapferkeit ist, so haben sie in der Erkenntnis;, daß ihre Anhänger sie trotzdem ganz genau verstehen, für „Ritualmord" das schöne Wort „Blutrnord" erfunden. Die Antisemiten also bemächtigten sich dieser passenden Gelegenheit, um Propaganda zu machen, und der Blutmord wurde eenftnucrt. Indessen, so geeignet war der Boden denn doch noch nickl, daß man am ersten Tage den Leuten hätte zumuthen dürfen, an solche Erfindungen zu glauben. Es mußte allmählich vorgegaugen werden, und wir müssen uns eiugestehen, sie gingen allmählich, aber doch dabei gleichzeitig mit einer verhältuißmäsiig so fabelhaf:en Schnelligkeit vor, daß es wirtlich uiederdrückend ist, wenn inan pd) sagen muß: so leiäst ist es möglich, eine große, große Masse des Lölkes an solchen Wahnwitz, an so verbrecherischen Wahnsinn glauben zu machen. Zunächst musste Derjenige, der das Opfer jener That geworden war, ein Held werden, es mußte zunächst das Mitleid erregt werden, und was wäre leichter, als die Herzen zu erwärmen für einen jungen Menschen, der im blühenden Alter von IS bis 19 Jahren von Mördcrhand ums Leben kommt. Es wurde also zuerst aus Wiwer eine Jdealgestalt geschaffen. Es liegt mir wahrlich fern, einen jungen Mann, wie Winter ist, beschimpfen zu wollen. Ich vermag zwar bei diesem jungen Herrn besondere Verdienste absolut nicht zu entdecken,