Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-10-01
- Page
- 544 (sequence 8)
- Language
- German
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544 Im deutschen Reich. Deutscher, und Christ dazu ist — öffentlich vor Gericht einen Meineidigen und Ignoranten nennt. Vielleicht finden doch die competenten Factoren in Oesterreich, daß der Professor an einer Hochschule eine solche Beschuldigung entweder mit einer gerichtlichen Klage oder — mit seinem Rücktritte vom Lehramte beantworten müßte". Von dem antisemitischen Wiener „Deutschen Volksblatt" wird Professor Strack wegen seines Sachverständigen - Gutachtens ein „kleiner Judenvertheidiger" genannt und es wird ihm in einem „Zwei Berliner Professoren über das Judenthum" überschriebenen Artikel Professor Friedrich Paulsen entgegengestellt, der „die Entstehung des Antisemitismus infolge der Inden begreift". Das heißt, die Dinge auf den Kopf stellen, denn als christlicher Missionar vcrtheidigt Professor vr. Strack nicht die Juden, sondern bekämpft nur als Christ Fälschungen des ihm genau bekannten jüdischen Schriftthums und den das Werk der Mission in Israel vollständig vereitelnden Rassen.Antisemitlsmns. Auch Paulsen steht nicht auf dem Standpunkt der Rassenantisemiten, da er den Juden in der Hauptsache nur den Vorwurf macht, sich nicht unverzüglich assimiliert zu haben; er verwahrt sich besonders gegen jede Gemeinschaft mit den „Geschäftsantisemiten". Diese reclamiereu ihn trotzdem für sich, denn wenn Paulsen auch so freundlich ist, anzuerkennen, daß es einige anständige und sympathische Juden giebt, bezeichnet er es doch als unverträglich, daß „im Handel, im Geldgeschäfte, in der Presse, in der Litteratur, in der Gesellschaft, in den Theatern und Badern, in den Schulen und Universitäten, unter den Anwälten und Aerzten man überall Juden begegnet". Diese kleinliche, an Furcht grenzende Abneigung vor dem freien Wettbewerb der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens läßt es begreiflich erscheinen, wenn die Geschäftsantisemitcn den gelehrten Freund des verstorbenen jüdischen Profissor Steinthal als einen der Ihrigen betrachten. Wenn der Gedanke, Juden als Ebenbürtige in Amt und Würden zu sehen, selbst bedeutenden Menschen noch unerträglich ist, rechtfertigt solche Engherzigkeit den Ausspruch: „Die Juden sind unser Unglück", denn dann trifft selbst auf bedeutende Ethiker der Ausspruch Lessings zu: „Was ist für einen Großen denn zu klein!" Wenn das am grünen Holze geschieht, kann es nicht Wunder nehmen, daß auch am dürren sich Auswüchse zeigen, welche die judenfeindliche Presse zu der Annahme berechtigen, daß „ein jeder ein bischen Antisemit sei". Auf dem sozialdemokratischen Parteitage in Lübeck muß diese Wahrnehmung den Präsidenten Singer, als das Thema „Presse" einige amisemitischen Ausbrüche veranlaßte, recht