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Im deutschen Reich · 1901-10-01 · Heft 10 (Oktober 1901) · p. 540

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 10 (Oktober 1901)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1901-10-01
Page
540 (sequence 4)
Language
German
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540 Im Deutschen Reich. behörden als befangen oder unfähig hinzustellen und der Bevölkerung das Vertrauen zur Rechtspflege zu rauben. Kann man doch Behauptungen, wie „Es ist nichts herausgekommen!" kaum anders verstehen als „Es soll nichts herauskommen!" Was die Antisemitenpresse an Beschimpfungen von Beamten und Sachverständigen, welche sich von ihr nicht beirren ließen, und an Irreführung ihrer Leser in Bezug auf den Konktzer Prozeß bisher geleistet hat, ist noch immer nicht hinreichend bekannt. Unter der höhnischen Ueberschrift „Selbstverständlich" läßt sie sich z. B. am 4. Oktober berichten. Moritz Lewy fei von Graudenz nach der Provinzial-Jrrenanstalt zu Conradstein bei Pr.-Stargardt zur Beobachtung seines geistigen Zustandes überführt worden. Bon jüdischer Seite scheine dahin operiert zu werden, den Moritz Lewy feiner wohlverdienten Strafe unter dem Vorwände des Irrsinns zu entziehen. Der Herr Jrrenanstaltsdirektor zu Conradstein sei es ja gewesen, auf dessen die Zeugin sCoper) als unzurechnungsfähig erklärendes Gutachten hin das ganze Verfahren gegen Rosenthal-Camin eingestellt und dieser aus der Unter- Haft entlasten worden sei. Von gut unterrichteter Seite ist aber inzwischen festgestellt worden, daß Moritz Lewy sich nach wie vor in Graudenz befindet und gar nickt in Conradstein gewesen ist. — Dies Stückchen ist so recht kennzeichnend für die unverfälschte Antisemiten- Maxime! Wer nicht zum Nachtheil der Juden aussagt oder indiziert, ist unfähig oder Judenknccht! Der Richterjprnch soll gar nicht mehr nach Recht und Gerechtigkeit gefällt werden, sondern nur noch im „nationalen" Interesse, d. h. in dem der politischen Antisemiten-Partei. Verfehmt wird derjenige Beamte oder Sachverständige, der nicht durch dieses candinische Joch kriecht. Wenn derartigen Einschüchterung?, versuchen nicht ein Ziel gesetzt wird, gelangen wir zu völlig uuhaltbaren, gesetzlosen Verhältnissen, zum verbrecherischen Treiben der Anarchie! Das wird man hoffentlich endlich einsehen, daß Jeder, welcher die Achtung vor der Fähigkeit und Unabhängigkeit richterlicher Behörden aus politischen Parteigründen systematisch erschüttert, indirekt die breiten Bevölkerungsschichten zum „Lynchen", also zur Selbsthilfe nach amerikanischem Vo bilde anregt, demnach Gesetz und Ordnung untergräbt. Reine Heuchelei ist es, wenn die Antisemitenpresse jetzt behauptet, erst seit dem anarchistischen Attentat in Buffalo sei das Unglaubliche geschehen, daß man den Antisemitismus als Nährvater des Anarchismus hingeftellt habe. Diese Behauptung ist vielmehr recht alt; sie ist u. a. auch in einem Vortrage im Central- Vereine vor vielen Hunderten von Zuhörern schon vor sechs Jahren auf-

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