Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Berlin
- Date
- 1901-09-01
- Page
- 479 (sequence 5)
- Language
- German
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Korrespondenzen. J Wirthin, bei der wir sehr gut aufgehoben waren, die Zwangslage, in welche sie durch die antisemitisch-ultramontcmen Hetzereien versetzt war. Ihr zu Liebe und der Uebermacht weichend, verließen wir das anmuthige, aber uns durch diese widerwärtige Agitation verleidete Voldcröad. Als Haupthetzer wurden uns ein Doktor aus Regensburg und ein angeblicher „Prmzenerzicher" (!) aus Wien genannt. Die feige Gesellschaft hütete sich, mir mit ihren Provokationen persönlich, Auge in Auge, gegenüber zu treten: ich wäre ohne weiteres bereit gewesen, den Haupt-Agitatoren einen bleibenden Denkzettel mitzugcben. Allem die Rücksicht auf die daraus sich entwickelnden, meine Ferienerholung störenden Folgen und auf meine Damen hielt mich von solchen Schritten Zurück. Ich beschloß also, einen Ort, in welchem Personen von so niederem Bildungsgrad und so verächtlicher Gesinnung tonangebend sind, . mit den Meinen hinfort zu meiden. Ich erwähne noch, daß die beiden reichodcutschen Protestanten, von denen ich oben sprach, entrüstet erklärten, sie würden jederzeit bereit sein, den skandalösen Vorfall als Zeugen zu bestätigen". Als kürzlich die Leiche des dreizehnjährigen Knaben Erwin Tiedig aus Berlin mit durchschnittenem Halse bei Augermüuoe aufgcfunden wurde, mögen manche Antisemiten wieder die Hoffnung gehegt haben, durch irgend einen der Strafe entschlüpfenden Lustmörder in den Stand gesetzt zu werden, bei „Denen, die nicht alle werden", den Glauben an Mordthaten aus rituellen Gründen aufzufrischen. Das antisemitische „Konitzer Tageblatt" hatte in dieser Hoffnung bereits von einem Schächtschnitt geschrieben. . Die Reue des Mörders hat diese Erwartung vernichtet; der Uebel< thäter, ein achtzehnjähriger Barbiergehilfe Harandarski aus Friedrichsberg bei Berlin hat sich selbst gerichtet; er ist im Torfmoor bei Angermünde ertränkt aufgefunden worden. Harandarski, der in der Steinmetzstraße 34 in Stellung war, hatte den Sohn des Potsdamerstraße 77 wohnhaften Tischlermeisters Tiedig so an sich zu fesseln gewußt, daß die beiden Freunde wiederholt gemeinschaftlich größere Ausflüge unternahmen, ohne daß den Tiedigs'schen Eheleuten irgend ein Argwohn gekommen wäre. Am vorigen Dienstag erklärte Erwin, daß er mit dem Barbiergchilfen wieder einen Ausflug verabredet habe. Die Eltern gaben ihre Zustimmung, warteten aber vergebens auf die Rückkehr ihres Kindes. Sie hatten zwar wiederholt den nach Berlin zurückgekehrten Barbiergehilfen nach dem Verbleib ihres Sohnes gefragt, aber immer die Antwort erhalten, daß er aa1 jenem Tage allein eine Landparthie unternommen habe und von dem Verbleib Erwins nichts wiffe. Diese Angaben erwiesen sich jedoch