Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Der Leipziger Bankkrach
- Date
- 1901-08-01
- Page
- 399 (sequence 7)
- Language
- German
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S99 2cr aruüradj. reiche bedürftige Familien unterstützt wurden, dem Willen des Stifters gemäß in Aktien der Leipziger Bank festgelegt war. Verschiedene mit der Bank in nahen Beziehungen stehende Artien- Gejellschaften sahen sich in die Nothwendigkeit versetzt, Konkurs anzumelden, andere gezwungen, ein längeres Moratorium nachzusuchen. Daß der Zusammenbruch der Kasseler Trebertrocknunzö- Gesellschaft, der sowohl von den Direktoren als auch von den Aufsichtsräthen der Leipziger Bank unschwer vorauszusehen war, nicht nur die Aktionäre dieser Bank aufs schwerste schädigt, sondern auch in Kassel selbst große Nachtheile erzeugt, die erst in vielen Jahren verwunden werden können, versteht sich von selbst bei der an das Schwindelhafte grenzenden Ausdehnung dieses räthselhaftcn Unternehmens, welches allen Eingeweihten längst „ein Riese aus thönernen Füßen" galt. So wenig wie bei der Leipziger Bank sind auch bei dem Kasseler Unternehmen Juden an der Leitung betheiligt. Sowohl der jetzt steckbrieflich verfolgte Generaldirektor Schmidt, der rechtzeitig aus Kassel verschwand, wie das Anfsichtsmitglied Sumpf, Mitbesitzer der jetzt ebenfalls in Konkurs gerathenen Brauerei Losch, galten vielmehr bisher auch als „Onyxsäulen" jener Kreise, welche aus agrarischen Gründen jenett Antisemitismus unterstützen, den in Kassel die Herren Dr. Winterstein und Genoffen eiftig züchten. Als vor zehn Jahren der Untergang von zwei jüdischen Privatbankiers in Berlin eine größere Anzahl von Verlustträgern tief bekümmerte, wurde diese Kalamität von den Antisemiten mit Erfolg benützt, um gegen das „verjudete Bankgewerbe" Stimmung zu machen. Vergleicht mau aber die Betrage, die damals verloren gingen, mit den Riesensummen, die jetzt bei dem Krach in Leipzig und Kassel in Frage kommen, die Zahl der jetzt Betroffenen mit jener, die damals den Verlust zu tragen hatten, so kann man nur wünschen, daß daraus die Lehre gezogen werde, daß überall gesündigt wird, wo die Spekulationswuth Eingang findet, daß aber der Antisemitismus am wenigsten geeignet ist, die schlimmste Korruption zu bannen. Von der richtigen Voraussetzung ausgehend, daß alle Unbefangenen aus den jetzigen unendlich traurigen Ereignissen diese Lehren ziehen werden, quält sich die gesammte antisemitische Preffe förmlich ab. wie bei denn plötzlichen Niedergang der Spielhagen-Banken so auch bei dem Krach in Leipzig und Kasse! die Meinung zu verbreiten, daß die Männer, welche dem Volkswohlstände so tiefe Wunden zugefügt haben, eigentlich nur die Opfer einer Verschwörung einiger jüdischer Großbanken seien, die durch Kreditentziehung ihre antisemitische Konkurrenz zu Grunde richten wollten, um ihren eigenen Kundenkreis zu erweitern.