Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Der Leipziger Bankkrach
- Date
- 1901-08-01
- Page
- 394 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316676-2316684-2328132--08430-2328203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Im jDeui[d)cn Reich. einem wirtschaftlichen Krach führen mußte, kam die antisemitische Bewegung in Fluß, welche uralte Vorwürfe auffrischte, um den Mißmuth der Geschädigten von der rechten Fährte abzulenken. Sie begeisterte die Menge wieder für mittelalterliche Einrichtungen und suchte sie blind zu machen für den hoben Werth freier gewerblicher Bewegung und besonnener Verwerthung der neuzeitlichen Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiete. Dafür reizte sie aber die Gier nach lediglich durch mühelose Spekulation zu erringendem Besitz, indem sie als solchen fälschlich alles darstellte, was von einzelnen Juden im Laufe der Zeit durch rastlose Betriebsamkeit, Mäßigkeit und Sparsamkeit erworben worden war. Die künstlich gereizte Gewinnsucht weiter Kreise hat nach und nach einen unglaublichen Umfang angenommen und in demselben Maaße haben sich die ungezügelte Genußsucht und die maßlose Verschwendung der mühelos gewonnenen Mittel gesteigert. Von dieser Sucht wurden auch unzählige Minderbemittelte ergriffen, die deshalb ihre kleinen Ersparnisse nicht mehr zu niedrigen Zinssätzen den Sparkassen anvertrauten, sondern in sogenannten Spielpapieren anlegten, ohne in der Lage zu sein, die Aussichten auf Gewinn und Verlust irgendwie zu beurtheilen. Immer neue Werthe wurden geschaffen, um die herbeiströmenden Geldmittel gewinnreich,anzulegen; fast täglich erfuhr man von neuen Gründungen, bei welchen industrielle Etablissements der mannigfaltigsten Art mit Aufwand großer Kosten in Aktien - Unternehmungen umgewandelt wurden, von welchen nur anfangs den Betheiligten ansehnliche Gewinntheile gespendet wurden, mitunter wohl schon zu einer Zeit, wo noch kaum Gewinne erzielt sein konnten. Zweifellos sind auch Juden an diesem Treiben betheiligt gewesen, aber gerabe die Ereignisse der neuesten Zeit haben unwiderlegliche Beweise dafür geliefert, daß es völlig widersinnig ist, besonders den. jüdischen Bestandtheil des deutschen Volkes für die geschilderten traurigen Verhältnisse verantwortlich zu machen. Wo Leichtfertigkeit, Unbesonnenheit und Rücksichtslosigkeit den Ruin großer Unternehmungen herbeiführten und damit die an denselben Betheiligten ins Unglück brachten, hat sich vielmehr in den allerseltensten Fällen die Mitschuld eines Juden herausgestellt; dagegen lag vielfach die Leitung jener Unternehmungen gerade in den Händen von Männern, welche, wenn sie sich auch nicht öffentlich zu einer antisemitischen Fraktion bekannten, doch sich jederzeit den Juden abhold gezeigt haben. Waren die jüdischen Börsenmänner schon deshalb garnicht in der Lage, sich für die betreffenden Unternehmungen besonders zu interessieren, so hinderte sie daran aber wohl auch ihre , mit Menschenkenntniß gepaarte Scheu vor kühner Waghalsigkeit und leichtfertigem Spiel mit dem mühsam Erworbenen. Diese vor