Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-06-01
- Page
- 340 (sequence 6)
- Language
- German
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340 Im deutschen Reich. Lebensglück wehrloser Menschen zu vernichten, wie diese Leidenschaften sogar vielfach zur Verdächtigung der richterlichen Behörden führten, wei? diese sich durch Ausgeburten blinden Hasses nicht vom rechten Wege ablenken ließen. Am 21. Mai d. I. schrieb die „Staatsbürger Zeitung": „Wir werden immer und immer wieder unsere Stimme laut erheben und darauf Hinweisen, wie in Könitz die Gerechtigkeit in schnödester Weise begraben worden ist." Als neuerdings mehrere gegen Juden im Konitzer Kreise eingeleitete Untersuchungen, darunter auch die gegen Hermann. Studinski, eingestellt wurden, weil sich nichts Belastendes ergeben hatte, machte das Antisemitenblatt am 5. Juni seinem Groll durch die Worte Lust: „Und da will man sich »wundern, wenn das Vertrauen zu der Untersuchung immer schwächer wird? Entweder sind die Juden den Untersuchenden allzu schlau, oder die Untersuchenden sind einer solchen Sache in keiner Weise gewachsen"! — Raubt man dem Volke in dieser Weise das Vertrauen zur geordneten Rechtspflege, dann treibt man es bewußt oder unbewußt zur Selbsthilfe. Daß nicht nur in dem sogenannten „Halbasten" der gehetzte Pöbel zu dieser greift (in der galizischen Hauptstadt Chrzanow erstach dieser Tage ein Metzgergehilfe einen jüdischen Fleischermeister und dessen Frau, nachdem er vorher geäußert hatte: „Heute muß ich einen Juden todt machen!"), sondern daß auch in Deutschland einzelne aufgehetzte Menschen zu Blutthaten reif sind, beweisen manche unverblümte Drohungen, Unter den Drahtgrüßen, die Pfingsten zum deutsch-socialen Parteitage in Braunschweig eintrafen, befand sich z. B. ein solcher aus Bertrich, welcher laulete: „Möge Euer Berathen uns auch bringen Thaten, daß alle Juden springen bald über unsere Klingen"! Daß solche Drohungen Wahnsinn sind, ist selbstverständlich, aber dieser Irrsinn ist symptomatisch; der Arbeiter Franz Kemper, welcher dieser Tage der städtischen Krankenstation in Danzig überwiesen werden mutzte, weil er die sonderbarsten Dinge unternahm, „um in der Winter'schen Mordaffaire Aufklärung zu schaffen", ist durchaus nicht der einzige Unglückliche, den antisemitische Hetzreden und „wissenschaftliche Talmudstudien" um den Verstand gebracht haben! Um so höher ist es zu schätzen, wenn von berufener Stelle gegen solche böswillige Verirrung der Gemüther mit Ernst Einspruch erhoben wird. Nach Beendigung des Fronleichnamsfestes hat der katholische Pfarrer vr. Krefst im Schützenhause zu Bütow au die Volksmenge, die sich am Spätabend vor dem Hause drängte, eine Ansprache gehalten, in welcher er die Toleranz des Kaisers pries, den „christlichen Geist der Eintracht und des Friedens" rühmte, „der