Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-06-01
- Page
- 339 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 339 ist sehr begreiflich, aber sür Behörden, die über den politischen Parteien stehen, sind andere Gründe maßgebend als sür diejenigen, von denen das Wort gilt: „Ihr laßt die Armen schuldig werden, dann überlaßt Ihr sie der Pein, denn jede Schuld rächt sich aus Erden!" Die antisemitische Presse betreibt das traurige Aufreizungsgeschäst ja auch nicht zum Vergnügen; diese bedenkliche Thätigkeit ist für sie eben eine Existenzbedingung. Das zeigte sich so recht am 29. Mai, dem Tage, an welchem vor einem Jahre in Könitz der Fleischermeister Hoffmann und seine Tochter vor dem Untersuchungsrichter stundenlang verhört wurden. An diesem Tage brachte die „Staatobürger-Ztg." einen Artikel, der von dem am 1. Juni noch deutlicher ausgesprochenen Gedanken durchweht war, „daß eine jüdische Mörderbande" den Gymnasiasten Winter umgebracht habe. Die „Ostdeutsche Tageszeitung" bemerkte hierzu: „Wer nach Beweisen sür diese Behauptung sucht, der findet nichts in diesen Gedenkartikeln. Die „Staatsbürger- Zeitung" führt zwar Stellen aus Pastor Hammers Leichenrede an. Als ob der hochwürdige Herr Pastor am Tage der Beerdigung Winters irgend etwas Sicheres gewußt hätte! Wenn der Herr Pastor auch gesagt hat, W. sei „von verruchten Mörderhänden auf eine so entsetzliche Weise hingeschlachtet" worden, so ist damit doch nicht bewiesen, daß W. wirklich „hingeschlachtet" wurde. Wir bleiben im Gegentheil nach wie vor bei der Ansicht, W. ist irgendwo verunglückt und der oder die Zeugen oder Urheber dieses Unglücks haben, um den Leichnam unauffällig zu beseitigen die grausige Zerstückelung in der Stille der Nacht vorgenommen. Wenn Herr Bruhn ferner so hohen Werth legt auf das' Zeugniß des verlogenen Arbeiters Masloff, daß er auf Grund dieser aus Geldgier oder sonst einem unlauteren Motive entstammenden Aussage friedliche Bürger zu einer „Mordbande" stempelt, so wird auch ihm der Lohn nicht ausbleiben." Daß dabei die „Staatsbürger Zeitung" an dem „Hoffmann-Gedenktage" die bedauerliche „Leidensgeschichte" einer Konitzer christlichen Fleischerfamilie als „ein Blatt in dem Buche über semitische Tücke und Niedertracht" zu nennen wagte, war eine Aufreizung schlimmster Art; denn die Juden haben es thatsächlich nicht veranlaßt, daß an jenem 29. Mai von behördlicher Seite infolge verschiedener Verdachtsmomente Nachforschungen angestellt wurden, die sich schließlich als irrig erwiesen. Sicher zeigt aber die Leidensgeschichte derjüdischenFleischerfamilie Lewy, die von Hoffmann wahrscheinlich nur auf Veranlassung verschiedenerHintermännerdirektdesMordesbeschuldigtwordenist, weitschrecklichere Blätter auf, die einst späteren Geschlechtern künden werden, wie in unserer Zeit Gewinnsucht und Fanatismus zusammenwirkten, um das