Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-06-01
- Page
- 341 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau. 341 auch die andersgläubigen Bürger Bütows in seinen Bannkreis zieht", und erklärte: „Die Intoleranz, die lange genug gedauert, hat viel Unheil angestiftet; sie hat die Christen nur selbst geschädigt und verwundet." Der katholische Seelsorger äußerte sich aber ebenso scharf wie die protestantischen Pastorenblätter „Reichsbote" und „Kreuz- Zeitung" über Oskar Blumenthals „Trutzlied gegen die Toleranz", obgleich der Dichter wohl nur derjenigen Duldsamkeit Trotz bieten wollte, welche einen feigen Verzicht auf das Recht einschließt. Mit offenbarer Befriedigung verbreitet die „Kreuz-Zeitung" die Aeußerung des frommen „Reichsboten": „Wie wär's dann aber, wenn das deutsche ausgewucherte Volk so dächte, und der bisher gegen das Judenthum geübten Toleranz ein Pereat ausbrächte"! Das katholische Centrum dürfte anders urtheilen; es - hat, wie schon früher bei ähnlichen Anlässen, so auch neuerdings durch seinen Toleranz-Antrag erfreulicher Weise bewiesen, daß es nicht zu denen gehören will, die nichts gelernt haben und nichts vergessen, daß es vielmehr auch die religiöse Ueberzeugung bei Andersgläubigen geschützt sehen will, weil nur dadurch dem gesamten Volke die Religion erhalten bleiben kann. Wenn der Bütower katholische Seelsorger die Toleranz des Kaisers preist, unterscheidet er sich vortheilhaft von der stets mit ihrer monarchischen Gesinnung prunkenden „Staatsbürger Zeitung", welche eine unwidersprochen gebliebene Meldung von einer kaiserlichen Aeußerung über den jüdischen Direktor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Aktiengeseüschaft arg verschnupft hat. Das toleranzfeindliche Antisemitenblatt schreibt: „Der deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, Generaldirektor Ballin, der am Dienstag vom Kaiser zur Frühstückstafel gezogen wurde und damit eine größere Ehre genoß, als sie dem zurückgetretenen Staatsminister und Vizepräsidenten des Staats- Ministeriums Dr. von Miguel zuteil wurde, läßt jetzt durch den „Berliner Lokal-Anzeiger" seine weltpolitischen Pläne dem deutschen Reiche verkünden. Die Hamburg-Amerikanische Packetsahrt-Aktiengesellschaft, deren Generaldirektor Herr Ballin ist, will eine regelmäßige, schnelle Verbindung in großem Stil zwischen San Franzisko und Shanghai ins Leben rufen und damit eine Fortsetzung der Weltderkehrslinie Hamburg—Rewyork—San Franzisko durch den Stillen Ozean nach Ostasien schaffen." Mit beißendem Witz bemerkt dazu der „Vorwärts": „Na, auch Herr von Miguel galt in früheren Jahren dem Ahlwardt-Organ als jüdischer Rasse. Vielleicht gewöhnt es sich auch schließlich an Ballin, der nun einmal infolge seiner weltpolitischen Anschauungen gegenwärtig sehr modern ist. Ritualmorde wird er ja wohl nicht begehen."