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Im deutschen Reich · 1901-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1901) · p. 333

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1901)
Article
Kleinstadt und Pincenez
Date
1901-06-01
Page
333 (sequence 2)
Language
German
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Kleinstadt und Pincmez. 333 Aber Pincenez-Levy und Winter sollen ja, wie etliche Zeugen beschworen haben, mit einander gesprochen haben. Daß aus solchem gelegentlichen Sprechen noch keine Bekanntschaft gefolgert werden kann, dafür möchte ich einige drastische Beispiele aus meinen jüngsten Erlebnissen anführen. 1. In einer kleinen Abendgesellschaft wird mir ein Redakteur T. vorgestellt. Der Herr spricht nnt mir wie mit einem, den er schon kennt. Ich habe keine Ahnung, wer der Herr ist, und dennoch ist er ein langjähriges Mitglied einer Redaktion, die ich seit vielen Jahren täglich besuche, manchmal auch zweimal. Ich habe ihn in all den Jahren wahrscheinlich öfter gesehen, und ich hatte nicht einmal eine Ahnung, daß er überhaupt in jener Redaktion ist. Würde ein Richter mir das glauben, wenn ich in einem Prozesse sagte, ich hätte den Herrn nicht gekannt? 2. Ich werde vor wenigen Wochen von einem Herrn aus der Straße begrüßt und angeredet. Ich frage nach einer Verlegenheitspause: „Mit wem habe ich die Ehre?" und erhalte zu meinem Erstaunen die Antwort: „Aber Herr K., Sie gehen ja täglich an meinem Tisch vorbei, und wir haben doch oft mit einander gesprochen. In der Redaktion des . . (Es ist dies ein anderes Blatt als das oben gemeinte.) In der That bin ich seit Monaten jeden Tag in einer Entfernung von höchstens zwei Meter an seinem Tisch vorbeigegangen und habe mit ihm wiederholt gesprochen. Wie er heißt, weiß ich noch jetzt nicht, und wenn ich ihm heute begegne, würde ich ihn auch nicht wieder erkennen, und hinge mein Leben davon ab. — Würde ein Richter mir glauben, wenn ich einen Mann, bei dem ich täglich in einer Entfernung von knapp zwei Metern vorbeigehe, mit dem ich wiederholt in Unterhaltung gesehen worden bin, überhaupt nicht zu kennen, einen Eid geleistet hätte? 3. Es war am Tage des letzten Landtagsschlnsses. Da begrüßte mich im Abgeordnetenhause ein Herr. Ich sagte, ich hätte nicht das Vergnügen. „Aber wenn Sie zu uns kommen und Ihre Artikel bringen, da kennen Sie mich." Der Herr, der so sprach/ ist ein Redakteur, mit dem ich wiederholt über meine Artikel in seinem Blatte längere Zeit verhandelt habe.' Würde ein Richter rc. re. Ich bin kurzsichtig und trage Brille und Pincenez, aber ich kann doch auf weit größere Entfernungen als zwei und noch weniger Meter sehen und erkennen. Aber wenn man kurzsichtig ist, ein schlechtes Physiognomien-Gedächtniß hat, oder was noch richtiger, Physiognomien schlecht in sein Gedächtniß aufnimmt und mit

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