Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1901)
- Article
- Kleinstadt und Pincenez
- Date
- 1901-06-01
- Page
- 332 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Im deutschen Reich. Kleinstadt und Mncenez. Von Ludwig Klausner-Davoc. Nachdem das Reichsgericht die Revision des Prozesses Moritz Levy verworfen hat, sollte eigentlich diese Konitzer Affaire endgiltig erledigt sein. Sie ist es aber in der Meinung vieler noch weniger als die Affaire Dreysus es nach der Degradation und Deportation, zu sein schien, wie 'sie es selbst jetzt nach dem Urtheilsspruch in Rennes, der Begnadigung und der Amnestie ist. In diesem Konitzer Prozesse, fühlt man, ist irgend etwas nicht richtig, und es sind ja noch allerlei Möglichkeiten vorhanden, ihm.einen versöhnlicheren, befriedigenderen Abschluß zu geben. Vielleicht tragen folgende Zeilen dazu bei, eine solche Möglichkeit herbeizuführen. Ich ergreife nickt zum wenigsten auch deshalb das Wort, weil ich mir sage: Tua res agitur, und das können sich viele andere sagen. ' Ich will aus meinen persönlichen Erfahrungen zeigen, daß man Leute grüßen, ja mit ihnen wiederholt sprechen, selbst in Geschäften mit ihnen mündlich verhandeln und nachher doch in gutem Glauben einen Eid leisten kann, daß man sie nicht kenne. Noch vor diesen persönlichen Erfahrungen habe ich es immer für ein großes Unrecht gehalten, als man s. Z. so viel Aufhebens von dem „Meineide" Stöckers machte, der vom Gericht mit Recht nur als ein Falscheid angesehen wurde. Ein Mann wie Stöcker mag Vieles thun, was rechtlich Denkende verdammen, einen Meineid leistet er nicht. Ist darauf Gewicht gelegt worden — es könnte ja sein, daß die Zeitungsberichte über den Meineidsprozeß Moritz Levy, die ick gelesen habe, nicht ganz genau waren —, daß man in kleineren und und selbst in mittleren Städten oft einander grüßt, ohne daß man sich kennt? Ich habe in mehreren solchen Städten gewohnt, halte mich noch gelegentlich in solchen Ortschaften auf und wurde und werde noch stets von mir vollständig Unbekannten gegrüßt, deren Gruß ich dann! selbstverständlich erwidere. Ich könnte mir wohl denken, daß der Gymnasiast Winter den in der Stadt bekannten und in gewisser Webe beliebten Levy gegrüßt hat, ohne daß dieser Pinecuez-Träger gewußt, wer ihn grüßt, und da er mehr oder weniger kurzsichtig war, ihn auch nicht wieder erkannt hat.