Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1901)
- Article
- Jüdische Volksschulen oder nicht?
- Date
- 1901-06-01
- Page
- 327 (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Volksschulen oder nicht? 327 Präparandenanstalten die Entwickelung der Schulen zu selbstständigem Denken betont. Mit aller Entschiedenheit spricht sich der freisinnige Abgeordnete Kopsch, ein bewährter Schulmann, gegen besondere Schulen für konfessionelle Minderheiten aus, er bekämpft die sogenannten Zwergschulen mit 4, 5, 6, 8 und 10 Kindern und will die Schulinspektionen — nebenamtlich verwaltet — beseitigt wissen. Es drängt sich uns nunmehr die Frage auf: Wie verhält sich das Judenthum zu diesen politischen Parteischattierungen? Das Judenthum hat nichts mit der Politik zu schaffen. Das Judentbum ist eine Religionsgenofsenschast, die die 'starken Wurzeln ihrer »Kraft dadurch gezeigt, daß sie alle Zeiten, alle Völker überdauert hat. Es hat auch die Kraft in sich, politische Parteien zu überleben. Wir brauchen und dürfen auf keine derselben schwören. Selbstredend zeigen wir denen unsere Dankbarkeit und Anhänglichkeit, die uns in unseren Menschenrechten nicht schmälern, die uns in unserer sozialen Stellung nicht in die Zeiten mittelalterlicher Verfolgungen zurückverweisen wollen. Das Judenthum ist zu allen Zeiten Träger idealer Bestrebungen gewesen, wir müssen auch heute die Denk- und Anschauungsweise uns zu eigen machen, die an Ideale glaubt, und uns mit voller Hingabe in ihren Dienst stellen. Trotz der scharfzugespitzten konfessionellen Gegensätze unserer Tage, in denen wir Juden Vorurtheilen und Unbilden aller Art ausgesetzt sind, sollten wir unseren Idealismus nicht verlieren. Sonst hieß es: Je größer der Druck, desto aufstrebender der Geist. Jetzt heißt es vielfach: Realpolitik treiben, den Nützlichkeitsstandpunkt vertreten. Wir dürfen uns den freien Blick nicht trüben, den Sinn für bewährte Einrichtungen uns nicht rauben lassen. Bei allen zu treffenden Maßnahmen, bei allen zu schaffenden Institutionen haben wir uns die Frage vorzule^en: Huldigen wir dabei einem Kulturfortschritt oder nicht? Wir wenden diese Frage auf die Konfessionsschule an und behaupten, Volksschulen mit ausgeprägt kirchlichem Charakter sind aus religiösen, didaktisch-pädagogischen, wirthschaftlichen und politischen Gründen zu verwerfen. Hierbei kann ich folgende Bemerkung nicht unterdrücken. Oft begegnete mir in Lehrerrreisen der sogenannte Einwand: Im Prinzip sind wir alle für varitätische Schulen, in praxi für konfessionelle. Diesen Standpunkt verwerfe ich. Wir können und dürfen uns nicht in einem Athemzuge für paritätische und konfessionelle Schulen begeistern. Entweder daeeine oder das andere — tertium non datur. Wir gelangen memals zu einem Kulturfortschritt, wenn wir den jeweiligen rückschrittlichen Strömungen Rechnung tragen. Halten wir unbeirrt