Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-05-01
- Page
- 272 (sequence 8)
- Language
- German
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272 3m deutschen Reich. semitischen „Kon. Tageblatts", die eine der tollsten Blüthen des Antisemitismus darstellt, welche uns je vor Augen gekommen ist. Das Blatt möchte nämlich gern dem Heiland und seinen Aposteln mit Ausnahme des Judas Jskarioth, die jüdische Stammesangehörigkeil absprechen, weil sie dazu doch zu gut gewesen seien. Dem Verfasser dieser Notiz möchten wir doch vor allem den Rath geben, den Heiland und seine Apostel aus seinen antisemitischen Polemiken wegzulassen, dazu ist die Person desselben doch zu erhaben. Was aber die leibliche Abstammung des Heilandes anbetrifft, so mag er doch einfach das Evangelium Matthäi zur Hand nehmen. Da findet er dessen auf Abraham zurückgehenden Stammbaum so klar verzeichnet und die Zugehörigkeit des Heilandes zur jüdischen Nation so unzweifelhaft festgestellt, wie er es nur wünschen mag." Die christliche Geistlichkeit kann, ohne den Ast zu zersägen, auf dem sie selbst sitzt, mit den Antisemiten kaum weiter gehen und die regierungsfreundlichen Konservativen müssen ebenfalls das Tischtuch zwischen sich und den verkappten Anarchisten zerschneiden, selbst auf die Gefahr hin, daß einige frondierende Parteigenossen zu Liebermann von Sonnenberg abschwenken. Die Stimmung in den Kreisen der Fronde und des radikalen Antisemitismus spiegelt sich deutlich in der Beurtheilung der von den: „Schwäbischen Merkur" verbreiteten kaiserlichen Aeußerung wieder: „Oppositionelle Volksvertreter haben wir mehr als genug, und die Leistungen der bezahlten Landtagsabgeordneten, wenigstens in Preußen, sind auch nicht die hervorragendsten." Dazu bemerkt die antisemitische „Deutsche Wacht": Das Volk scheint nur noch gut genug zu sein, um Steuern zu zahlen. Vielleicht macht man einmal einen Versuch? Immer zu, wenns beliebt!" Zn einer Berliner Versammlung des Deutschen Antisemiten-Bundes widmete der Abg. Ludwig Werner dem „agrarfreundlichen" Exminister Miquel einen schmerzerfüllten Nachruf und übte an den neuen Ministern eine mehr als unfreundliche Kritik, bei welcher der Handelsminister am schlimmsten wegkam. Werner sagte, Kommerziell rath Möller-Duisburg habe den Antisemitismus einmal eine „Pestbeule" genannt; nun, es sei schon mancher an der Pest gestorben, der sie habe bekämpfen wollen! Der Umstand, daß die politischen Verhältnisse sich für die Antisemiten anscheinend ungünstig gestalten, und daß die Mehrheit des deutschen Volkes sich mit Widerwillen von dem Blödsinn der Ritualmord-Märchen abwendet, veranlaßt die antisemitischen Führer, sich einer verstärkten Thätigkeit auf dem Gebiete der Schächtfrage zu widmen, um ihren Anhängern gegenüber doch auf einen Erfolg Hinweisen zu können.