Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-05-01
- Page
- 270 (sequence 6)
- Language
- German
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270 Im deutschen Reich. Konservative, die es einsehen, daß ein antisemitischer Vertreter im Reichstage, wie der kandidierende Herausgeber der „Staatsbürger- Zeitung", Wilhelm Bruhn (der für die eventuelle Stichwahl übrigens auch die Wahl eines Polen empfohlen hat), dem Deutschthum weit mehr schaden würde als ein Pole! In einer am 14. April Ln Schönlanke abgehaltenen Versammlung kennzeichnete der freisinnige Reichstags- und Landtagsabgeordnete Direktor Ernst die Kampfweise der Antisemiten, deren erfolglose Bevormundung des Mittelstandes und ihr Verhalten in der Kornzollfrage' in so treffender und humorvoller Weise, das; der Jubel der Mehrheit der Versammlung den Widerspruch der anwesenden Antisemiten übertönte. Als während der Ausführungen des nächsten liberalen Redners die Antisemiten noch mehr lärmten, wurde die Versammlung aufgelöst. In einer zweiten, eine halbe Stunde später abgehaltenen Versannnlung hatten die Antisemiten den nutzlosen Kampf aufgegeben, so daß über die Handelsverträge ruhig diskutiert werden und die Versammlung am Schluß ihrem Reichstagsabgeordneten Ernst ohne Widerspruch ihre Zustimmung und ihr Vertrauen ausdrücken konnte. Erfolgreicher arbeitete eine antisemitische Spreug-Kompagnie in Berlin in einer von dem sozialdemokratischen Centralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen in den Armin-Hallen am :;0. April veranstalteten Versammlung. „Der deutsch-nationale Handlungsgehilfin-Derband" hatte durch ein von seinem Obmann Viktor Blobel unterzeichnetes Cirkular seine Mitglieder zu dieser Versammlung eingeladen, um „den Genossen, die wieder in ihrer gewohnten niederträchtigen und wahrheitswidrigen Weise über uns herfallen", entgegenzutreten. Bevor der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Rojenow als Referent seinen Vortrag beginnen konnte, verübten die Antisemiten, denen das Wort zur Geschäftsordnung verweigert wurde, einen so wüsten Lärm, daß schließlich, nachdem der Radau länger als eine Viertelstunde gewährt hatte, der Polizeibeamte die Versammlung auflöfte. Die konservative „Kreuz-Zeitung" vertheidigte dieses Verfahren der deutsch-nationalen Handlungsgehilfen, die der Berliner Vertrauensmann des bekannten antisemitischen Hamburger Abgeordneten Wilhelm Schack kommandiert, indem sie dem „Vorwärts", der das „echt antisemitische Heldenstück" geißelte, mit den Worten entgegentrat: „Als die sozialdemokratischen Radaubrüder aus der Gefolgschaft der Herren Singer und Bebel eine konservative Bersairrmlung durch Gebrüll und pöbelhaftes Betragen sprengten, da war dies in den Augen des „Vorwärts" ein wirkliches Heldenstück, und er verherrlichte es in einem spaltenlangen Berichte. Wenn se.inen