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Im deutschen Reich · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. 269

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1901-05-01
Page
269 (sequence 5)
Language
German
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Umschau. 269 würde". Kaum gedacht, schon vollbracht! Am 1. Mai, als mau sich vor den Sozialdemokraten sicher fühlte, fand eine antlsemitische Volksversammlung in der Tonhalle statt. Auf der Tagesordnung stand freilich nicht der Brotwucher, sondern der Mord in Polna, der natürlich keinen vernünftigen Menschen in Berlin sonderlich interessirt. Infolge dessen hatten sich nur waschechte Antisemiten eingefunden Die Gelegenheit schien den tapferen Männern günstig. Aus heiterem- Himmel wurde eine Brotwucherresolution eingebracht und fast einstimmig angenommen. - Triumph! 'Die Antisemiten wissen sehr genau, daß sie niemals eine solche Resolution durchsetzen werden, falls sie eine Versammlung unter folgenden Bedingungen einberufen: rechtzeitige Bekanntmachung, freie Diskussion, ein Thema, ein Referent. Daß sich niemand darauf einläßt, eine Versammlung zu besuchen, in der mau erst allen möglichen Unsinn über Könitz, Polna und die rumänischen Juden über sich ergehen lassen muß, ehe von den Kornzöllen geredet wird, ist selbstverständlich." Die Aeußerung der „Staatsbürger Zeitung", daß sie die hochgespannten Forderungen des Bundes der Landwirthe nicht zu unterstützen in der Lage sei, veranlaßt die agrarische „Deutsche Tageszeitung" zu einer scharfer Stellungnahme gegen jede Kandidatur Wilhelm Bruhns und zu dem Hinweis, daß die reformerischen Abgeordneten Gräfe, Lotze und Werner jämmtlich ihre Mandate der Unterstützung des Bundes der Landwirthe verdanken. Die Zerfahrenheit, welche in den eigenen Reihen der Antisemiten in der Getreidezcllfrage herrscht, trägt wesentlich dazu bei, den We^h ihrer Bundesgenossenschaft für die Konservativen zu verringern, von denen einzelne es sich aber dennoch aus alter Gewohnheit nicht versagen können, bei Wahlagitationen den Antisemitismus gegen die liberalen Parteien auszuspiclen. So wurde neuerdings im pommerschen Wahlkreise Grimmen-Greifswald versucht, die konservative Kandidatur des Landraths von Behr dadurch zu fördern, daß man die falsche Behauptung verbreitete, der fteisinnige Kandidat, Bergrath Gothein, stamme von Juden ab. In anderen Wahlkreisen, besonders in denen der Provinz Posen, sind die Konservativen gewitzigter; sie haben z. B. im Kreise Meseritz eine Anzahl angesehener Juden veranlaßt, ihre Einladung „zur Gründung eines deutschen Wahlvereins" mit zu unterzeichnen. Die „Staatsbürger-Zeitung" berichtet selbst, daß einer der konservativen Unterzeichner jenes Aufrufs, der evangelische Geistliche Motschkv-Lewitz-Hauland, einem Vertreter der Deutschsozialen Refonnpartei e^lärte, „wenn der antisemitische Kandidat mit dem Polen in die Stichwahl komme, müsse jeder echte Konservative für den Polen stimmen". Es giebt also schon

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