Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Ein fürstlicher Menschenfreund
- Date
- 1901-05-01
- Page
- 263 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316676-2316682-2327800--08171-2327877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein fürstlicher Menschenfreund. 263 Noch ein anderes Beispiel seines Edelmuthes berichtet Spieker: „Ein hiesiger unbemittelter Israelit, Samuel Levin, hatte mehrere Kinder, unter denen einen Sohn, Jakob Levin, der seine Vaterstadt verließ, um in der Fremde sein Fortkommen zu suchen. Auf seinen Wanderungen kam er auch nach Kopenhagen, wo er es durch Fleiß und Sparsamkeit dahin brachte, einen nicht unbedeutenden Kleinhandel anlegen zu können. Dieser wurde mit jedem Tage ergiebiger und erregte den Neid seiner Glaubensgenossen. Sie durften das Recht ausüben, jeden fremden jüdischen Handelsmann ans der Stadt zu verweisen und verlangten deshalb von der Polizei die Entfernung des Jakob Levin. Nur mit Mühe erhielt er die Erlaubniß, sich zur'Einziehung seiner ausstehenden Gelder vier Wochen aufhalten zu dürfen. In einem rühmenden Briefe klagte der Verfolgte den Eltern, die er schon oft mit namhaften Summen unterstützt hatte, seine Roth und schloß sein Schreiben mit folgenden Worten: „Es giebt nur noch ein Mittel, mich und meinen Handel«in Kopenhagen zu sichern. Es ist freilich unfehlbar, aber ich darf wohl auf eine jo große Gnade nicht rechnen. Die Königin von Dänemark ist die raute des menschenfreundlichen Herzogs Leopold. Könnte ich von diesem Fürsten eine huldreiche Fürbitte erhalten, so würde ich wohl gegen die Verfolgungen unserer Glaubensgenossen geschützt werden." Vertrauensvoll geht der Vater, ein ehrwürdiger Greis, mit diesem Schreiben zum Herzog, wird sogleich vergelassen und schüttet sein bekümmertes Herz dem theilnehmenden Menschenfreunde aus. Dieser antwortete: „Ich werde Ihm das.Empfehlungsschreiben eigenhändig aufsetzen; nur heute ist's mir nicht möglich, da ich dringende Regierungsgeschäfte zu erledigen habe." Hocherfreut kehrt der getröstete Vater zurück und kann feiner Frau von der Leutseligkeit des Fürsten nicht genug erzählen. In der Abenddämmerung klopft es an die Thür der armen Familie. Der Alte öffnet und erblickt mit freudigem Erstaunen den Herzog Leopold, der zu ihm sagt: „Ich bringe Euch, mein lieber Mann, den Brief noch heute, da meine Geschäfte früher beendet worden sind, als ich glaubte. Schreibt Eurem Sohn noch heute und sagt ihm, er möchte diesen Brief der Königin selbst überreichen." „Edelster Fürst," erwiderte der hocherfreute Greis, „Gott mag's Ihnen lohnen, was Sic an mir armen Manne und meinem Kinde thun; allein für heute ist's zu spät, an meinen Sohn zu schreiben. In einer halben Stunde geht die Post ab und man nimmt jetzt schon keinen Brief mehr an." „Seid außer Sorge, lieber Alter, von mir nehmen sie ihn noch; schreibt nur geschwind. Ich will ihn selbst abgeben, mein Weg führt mich bei der