Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Eine Umfrage über den Ritualmord
- Date
- 1901-05-01
- Page
- 255 (sequence 4)
- Language
- German
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Eine Umfrage über den Ritualmord. 255 Jüngling der Himmelskönigin geopfert. Der Gedanke liegt nahe, daß Bosheit die grausame Sitte der heidnischen Nachbarn den Inden zugeschrieben habe. Ob man aber von den obscurett Beduinen der Smaihalbinsel, wie sie uns Nolus im Jahre 400 nach Christus schildert, im Abendlande irgend je etwas gehört hat? Es empfiehlt sich besser, daran zu erinnern, daß Menschenopfer bei Galliern und Germanen sehr lange in Uebung waren. Von dem gothischen König Radagaisus wird berichtet, als. er .in Italien einbrach, habe er gelobt, das Blut der Christen seinen Göttern zu opfern, wenn er siege. Ja, Prologius schreibt, daß'die Franken, obgleich sie schon Christen geworden, gleichwohl noch Frauen und Kinder der Gothen geopfert haben. Deutsche,Volkssagen erzählen von Opferung von Kindern zur Heilung des Aussatzes. Da alter heidnischer Glaube in Form von Aberglauben ein sehr zähes Leben besitzt, so ist sehr wohl denkbar, daß abergläubische Germanen oder Gallier für Zauberzwecke Kinder gemordet haben; man weiß ja, wie entsetzlich grausam der Aberglaube die Menschen macht. Auf solch grausamen Zauberbrauch mag sich der nationale Haß gestützt haben, um die Juden zu verleumden und die ganze Wuth der Menge gegen sie zu entfesseln. Wohl möglich, daß etwa gerade die Menschen, die aus Aberglauben einen Knaben getödtet hatten, den Verdacht von sich abzuwälzen juchten, indem sie die Juden als verbrecherische Abergläubige hinstellten. Möge es endlich der vereinten Anstrengung aller wohlgesinnten und erleuchteten Menschen gelingen, der schrecklichen Verleumdung Meister zu werden. Hochachtungsvoll grüßt Sie l)r. K. Furrer, Professor der allgemeinen Religionsgeschichte an der Hochschule Zürich. I)r. Caspar Ren« Gregory, Professor an der theologischen Facultät der Universität Leipzig. „Leipzig, den 10. April 1901. Ich glaube gar nicht, daß es Juden giebt, die bereit wären' Christenblut zu rituellen, religiösen Zwecken zu benützen, geschweige einen Ritualmord zu begehen. Ich habe nie einen glaubwürdigen Grund gesehen, an etwas Derartiges zu denken. Der Ursprung der Beschuldigung liegt in dem Haß, gepaart mit Neid, und in dem Aberglauben, der, selbst-an Blut als Zaubermittel - denkend, die -jüdischen Ritualvorschriften auf Aehnliches hingedeutet hat.' Das alltägliche Verschwinden eines Kindes ist danw