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Im deutschen Reich · 1901-04-01 · Heft 4 (April 1901) · p. 222

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 4 (April 1901)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1901-04-01
Page
222 (sequence 11)
Language
German
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222 Im deutschen Reich. gegangen wäre, so lange sind wir von einem wahrhaft christlichen Staate noch tveit entfernt. Nicht wir Juden sind dann aber diejenigen, die dem christlichen Staate entgegenstreben, sondern jene Scheinchristen, die durch ihren Haß und ihre Rohheit gegen andersgläubige Menschenbrüder den herrlichen Lehren des jüdischen Urchristenthums ins Gesicht schlagen."— Von allen Organen des Centrums ist die „Köln. Volksztg." eines der wenigen, welche die antisemitischen Verirrungen in der eigenen Partei entschieden mißbilligen und sich über die Folgen derselben völlig klar sind. Das ultramontane Blatt sagt über die Pariser Katholiken - Versammlung am 12. März, bei der zuletzt die Rufe „Es lebe die Empörung und die Bartholomäusnacht! Nieder mit den Protestanten, Freimaurern und Juden!" stürmisch den Saal durchbrausteu: „Es sind dieselben, welche seiner Zeit ihr Müthchen durch antisemitische Tollheiten kühlten; jetzt hat das Abwechselungsbedürfuiß die Juden mehr in den Hintergrund geschoben und die Protestanten in den Vordergrund gerückt". Wenn in Oesterreich der Liberalismus durch den Antisemitismus verdrängt und letzterer besonders in Wien eine herrschende. Stellung errang, ist dies nicht dem Katholizismus zuzuschreiben, sondern fast ausschließlich auf wirthschaftliche und politische Gründe zurückzuführen, welche auch die dortigen Kirchenfürsten trotz ihrer eigenen duldsamen Gesinnung veranlaßte, arge Kundgebungen der unteren Geistlichkeit zuzulassen, die sich ebenso gegen die Protestanten wie gegen die Juden richteten. Unter diesen demagogischen Kanzelrednern nahm der am 23. März verstorbene Pfarrer Joseph Deckert die erste Stelle ein. In einer Schrift: „Kann ein Katholik Antisemit sein?" suchte er die Berechtigung der gehässigen Bewegung nachzuweisen. Seine Schmähschriften „Das Juden-Vaterunjer" und „Luthers Tod" gaben wiederholt Anlaß zu Interpellationen im Parlamente. Gemeinsam mit dem getauften Juden und Verfasser einer Ritualmordbroschüre, Brimanus Mayer, saß er auf der Anklagebank. Trotzdem fand ihn die christlich-soziale Wiener Gemeindevertretung der höchsten städtischen Auszeichnung würdig und verlieh ihm die doppelte große goldene Salvatormedaille. Nun ist er dahingegangen und die Männer, denen Deckert und seine fanatischen Anhänger zu der Herrschaft im Wiener Rathhause verhalfen, die sie zur Zeit noch besitzen, ahnen wohl bereits, daß die Stunde nicht mehr fern ist, in der sie nicht der Tod, aber die Ungunst der Verhältnisse zwingen wird, das Feld zu räumen. Der trotz des von vn Lueger eingeführten neuen Wiener Gemeindestatuts für die Antisemiten wenig günstige Wahl-

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