Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-04-01
- Page
- 218 (sequence 7)
- Language
- German
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218 ^}»i fccuifajen Stciu). Jahrhundert in die Schranken fordern. Das jetzige brüderliche Zu-, sammengehen des „theueren Gottesmannes" mit dem deutsch-socialen' Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg macht den Eindruck, als hätte Stöcker sich abermals auf ein sinkendes Schiff begeben. In. Gotha kam es kürzlich in einer Versammlung,'kn welcher Liebermann über die Zollfrage sprechen wollte, zu stürmischen Auftritten. Nur unter den größten Schwierigkeiten wurde es dem antisemitischen Rufer im Streit möglich, auf die socialdemokratischen Ausführungen zu antworten, und seine herausfordernde Sprechweise machte diese Entgegnungen ganz ungeeignet, die Gemüther zu beruhigen. Der Lärm wurde schließlich so arg, daß der Polizeikommissar den Schluß der Versammlung verlangte, der Liebermanns Niederlage vollständig gemacht batte. Da tauchte in dem Antisemitenführer noch zur rechten Zeit die Erinnerung an einen ,.Herzog" auf, der ihn einst aus weit schlimmeren Verlegenheiten gezogen hatte, und er schrie: „Regiert hier in Gotha der Herzog? oder steht das Herzogthum schon unter sozialdemokratischer Gewaltherrschaft? Verhaften Sie lieber ein Paar von den Rädelsführern." Darauf ermöglichten ihm die Polizisten noch ein kurzes Schlußwort. In Hannover, wo er am 28. März im „Kriegerheim" über „Freiheit oder Dasallenthum" sprechen wollte, wurde sein Vortrag wiederholt durch stürmische Protestrufe unterbrochen; dann warf der Architekt Demmig den Gesinnungsgenossen Liebermanns vor, das Verdienen für sich, die Ideale für das Volk zu reservieren. Ferner bezichtigte er Herrn Liebermann, sein Wort nicht gehalten zu haben; bei einem in Göttingen gehaltenen Vortrag über den Talmud sei ihm durch den Rabbiner I)r. Jacob nachgewiesen worden, daß er davon herzlich wenig verstehe, er habe dies zugestanden und versprochen, sich zu unterrichten und dann im Laufe des Winters wiederzukommen und weiter darüber zu sprechen, sei aber bis jetzt nicht gekommen. Ter, Redner bestritt diese Behauptungen, aber ein Herr Wolf, der in der Göttinger Versammlung zugegen gewesen, bestätigte die Angaben Demmig's. Da Liebermann das Vorgehen der beiden Redner ein planmäßiges Komplott nannte, folgten unter Unruhe und Lärm weitere erregte Auseinandersetzungen, worauf die Versammlung ihr Ende erreichte. Einer größeren Vorsicht bei der Wahl der Bundesgenossen werden sich auch voraussichtlich andere politische Parteigrößen in nächster Zeit befleißigen, um weitere taktische Fehler zu vermeiden. Die Nationalliberalen konnten sich der Erkenntnis) nicht verschließen,, daß ihre Landtagsfraktion sich durch ihr Verhalten bei der Pcltasohn'schen Interpellation mit der großen Vergangenheit der