Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Wissenschaft oder Gefühlsäußerung?
- Date
- 1901-04-01
- Page
- 204 (sequence 8)
- Language
- German
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204 Im deutschen Reich. Völker existieren. Gerade de Caudolle führt indeß den friedlichen Charakter jener Juden auf die historische Entwicklung zurück. Daß er mit Rasse und Neligion Zusammenhänge, bestreitet der genannte Sociologe unter Berufung auf die Stellen des Alten Testaments, welche von hartem und kriegerischem Dolkscharakter zeugen. Chwolsons Satz, daß die Juden „stets staatlicher Unterordnung widerstrebt" hätten, wie der Sinn, welchen Schmoller den Worten de Candolle's giebt, passen auch wenig zu dem Bilde, daß unlängst ein hervorragender christlicher Theologe und vorzüglicher Kenner des alten israelitischen Staates, Bernhard Stade, von diesem gezeichnet hat. Stades sagt nämlich: „Ein weniger zähes, weniger tapferes und weniger ausdauerndes Volk würde unter diesen Verhältniffen überhaupt nicht so lange einen nationalen Staat behauptet haben. Indem Israel gegen Philister wie Aramäer seinen Besitz behauptete und erst dem Ansturm der asiatischen Weltmächte erlag, hat es auch nach der staatlichen Seite seine hohe Tüchtigkeit gezeigt". Freilich haben die politische Befähigung der Israeliten des Alten Testaments, die Charaktereigenschaften des russisch-jüdischen Proletariats und die Geldgeschäfte der baute üuance, bei Lichte besehen, gar nichts mit den Ansichten derjenigen Männer jüdischer Kultusgemeinschaft oder jüdischer Abkunft zu thun, die sich in den modernen Kulturftaaten wissenschaftlich mit Fragen des Staatslebens beschäftigen. Für Schmoller war offenbar sein Urtheil über Karl Marx das Entscheidende. Daß dieser Fachgenosse ihm recht unsympathisch sein muß, ist leicht begreiflich. In politischer Gesinnung, in Form der Forschung und Darstellung, in der Bewerthung eines jeden historischen Ereignisses und in den Voraussagen über die zukünftige Entwicklung ist Marx gerade das Gegentheil von Schmoller, und doch kann dieser ihm weder Fleiß noch Genie, noch idealen Sinn, noch weitreichende Wirksamkeit absprechen. Soll wirklich der Umstand, daß Marx von Juden abstammt, genügen, um in Verbindung mit einem thörichten Satze des Herrn Vierkandt?) „auch dem edlen Judenthume vorzuwerfen", daß es unfähig sei „die staatlichen Nothwendigkeiten und Härten zu begreifen"? 1) Gesch. d. Volkes Israel (1887) S. 112. 2) Es widerstrebt mir die hunderte von Namen „semitischer" Forscher aus allen Gebieten der Wiffenschaft zu nennen, deren „geistige Schöpfungen" „die Realität der Dinge" jedenfalls weit mehr als die-Schrift des Herrn Vierkandt „erreichen".